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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-09-13 · Heft 37 (13.9.1870) · p. Seite 718

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 37 (13.9.1870)
Date
1870-09-13
Page
Seite 718 (sequence 2)
Language
German
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718 in Frankreich aus innerstem Freiheitsdrange, und der Ausgang war, daß es sich eine neue und schlechtere Auflage des ersten Cäfarismus gefallen ließ. In derselben Nation lebte der seit Heinrich IV. und Richelieu geweckte Drang nach der Oberherrschaft in Europa, sie setzte alle Kräfte hieran und war zwei Mal schließlich froh, daß eine fremde Invasion sie von ihrem Alp befreie; denn wir zweifeln gar nicht, daß es dies Mal ebenso wurde wie 1814. — Zu Anfang des Jahrhunderts sank das alte deutsche Reich in sich zusammen, und alle ihm früher zugehörigen Glieder lösten sich zu einer absoluten Selbststänvigkeit auf, von welcher die übrig gebliebenen, als sie der Zwingherrschaft Napoleons ledig geworden, im „deutschen Bund" nur einen Schatten abgaben. Die Thaten dieses Bundes bestanden nur in gemeinsamen Beschränkungen der Volksrechte, und vor der ersten revolutionären ilSlS) und militärischen >1866) Bewegung fiel er auseinander in Splitter wie sprödes Glas. Während seines Bestandes gehörte die Idee der deutschen Nationalität und Einheit zu den verpöntesten, und wer ihrer verdächtig war, wurde verfolgt und bestraft. Plötzlich trat dieselbe Idee geharnischt und mit dem Schwerte in der Hand in derselben Region auf, wo sie bisher ein Schreckbild gewesen, eroberte sich einen großen Theil Deutschlands und wurde ein unüberwindlicher Factor in dem Kriege, der jetzt so ruhmreich ausgefochten wird. Wird sie sich nun nach glücklich erlangtem Frieden vollenden? wird sie in naher Zukunft alle Theile der deutschen Nationen umfaffen? Dies ist die nächste Frage, die das Jahrhundert noch zu beantworten haben wird, auf daß dasselbe nicht auch hier wie anderswo, eine seiner frühern Erscheinungen wiederhole, daß das besiegte Frankreich unter dem Schutze der Sieger eine freiere Verfassung erhielt, während die siegenden .Nationen, die für ihre Freiheit gekämpft, unter den Absolutismus zurück geriethen. — Das vorige Jahrhundert hatte sich zur politischen Freiheit empor gerungen. Als aber nun in dem gegenwärtigen diese sich verwirklichen sollte, brachen die alten Mächte aus ihren Schlupfwinkeln hervor, und begannen einen Kampf mit einer Zähigkeit, die man ihnen früher nicht mehr zugetraut hätte. Je klarer das Bewußtsein der Bolksrechte wurde, desto sinnreicher ward man in Praventivmaßregeln, die bis heute noch auf jenen in einer Weise lasten, von der man im vorigen Jahrhundert keine Ahnung gehabt. Unser Jahrhundert zeigt deshalb in seinem bisherigen Darsse ein Bild der Action und Reaction, wie es so mannichfaltig, so die widerstreitendsten Tinten nebeneinander gestellt, die Weltgeschichte noch niemals aufzuweisen gehabt. Die Völker erweisen sich geneigt bald zu den heftigsten revolutionären Erhebungen, bald wieder den Nacken der drückendsten Reaction zu beugen, und bieten hierzu bald den Agitatoren, bald den Herrschern willig ihre Arme her. In allem Diesem gewahrt man auch nicht die geringste Consequenz in irgend einer Nation, während man diese bei den Völkern des Alterthums und des Mittelalters ganz offenkundig hat. So ringt sich die europäische Gesellschaft während dieses Säculums nach einem Constitution alismus oder Parlamentarismus ab, ohne ihn mehr als scheinbar bis jetzt erreicht zu haben. — Jedermann kennt die außerordentliche Entwickelung, welche Handel und Industrie in unsrer Zeit gewonnen haben. Sie läßt hierin alle Epochen der Vergangenheit weit hinter sich. Dies Ergebniß konnte nur durch die Wissenschaft und die Freiheit der Bewegung erlangt werden; Freizügigkeit, Handelsfreiheit und Gewerbefreiheit waren die unumgänglichen Bedingungen. Und dennoch erhob sich mitten in diesen rastlosen Bestrebungen, welche für Millionen Menschen neue Nahrungsquellen, neue Bahnen der Thätigkeit und des Erwerbes eröffneten, ein neuer Sturm von Seiten der Betheiligten selbst, der der Industrie in einer neuen Weise alle Freiheit benehmen will und den alten geheiligten Rechten des Eigenthums und des Besitzes, diesen wesentlichen Hebeln der persönlichen Freiheit und der menschlichen Thätigkeit, große Gefahren bereitet, die socialistischen Umtriebe. — Nicht weniger werden wir überrascht von der Verschiedenartigkeit in Tendenz und Product, wenn wir uns auf die rein geistigen Gebiete versetzen. Vor Allem fällt es uns auf, daß, nachdem die Philosophie in den ersten Decennien noch eine, freilich in sich sehr auseinander laufende Entfaltung gefunden, sie fast gänzlich aufgegeben wurde und völlig in Mißcredit verfiel. Dahingegen wandte sich ein unermüdlicher Eifer auf die exacten, historischen und linguistischen Wissenschaften, in welchen, gegen die Vergangenheit genommen, ganz Außerordentliches geleistet ward. Während man aber in diesen die inductive Methode als die allein sichere ansah, die durch sie gewonnenen Ergebnisse allein gelten lassen wollte, geschah es, daß sich dennoch eine üppige Combination des erlangten Stoffes bemächtigte, und, getragen von dem Streben, die Resultate der Wissenschaft auch dem großen Publicum zugänglich zu machen, die gewonnenen Kenntnisse und Begriffe weithin zu verallge-

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