Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1870)
- Date
- 1870-09-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226782--28718-3302569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
34. Jahrgang. Allgemeine JW 37. Zeitung -es Zudeuthmns. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgeg eb en von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. Leipzig, den 13. September 1870. Inhalt. Leitende Artikel: Unser Jahrhundert. — Die Resolution der israelitischen Synode;u Leipzig. — Abhandlungen verschiedenen Inhalts. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. — Oester reichischungarische Monarchie: Wien, Pest. — Frankreich: Paris. Feuilleton-Beilage: Gebete während des Krieges. IX. und X. — Ein Erbproceß in Algier. (Schluß». — Correspondenz. Leitende Artikel. Bonn, 4. September. Unser Jahrhundert. Es wird ein räthselreiches Jahrhundert sein für den zukünftigen Geschichtsforscher, dieses 19. Jahrhundert. Die Wirrsale der widersprechendsten Erscheinungen werden vor ihm stehen, Deutung und Erklärung verlangen und in ihrer bunten Mannigfaltigkeit fast unmöglich machen. Dieses Jahrhundert der Wiederherstellung der Jesuiten und der päpstlichen Unfehlbarkeit, des Napoleonischen Casarismus am Anfang und in der Mitte auf dem Boden unaufhörlicher Bewegungen und Erschütterungen, erfüllt von den entgegengesetztesten Gestaltungen, wird als so sonderbar und wunderlich, so außergewöhnlich und in einem Gemisch von Licht und Dunkelheit erscheinen, daß der Denker verzweifeln wird, einen leitenden Faden zu finden, der ihm nicht jeden Augenblick wieder aus den Fingern entwischen werde. Das vorige Jahrhundert hat gewußt, was es gewollt, und was es wollte, vollbracht. Es wollte die Feffeln brechen, welche die letzten Jahrhunderte aus dem Mittelalter heraus in ihrer Weise geschmiedet hatten, und zur Freiheit kommen, die Feffeln der Unwiffenheit und Geschmacklosigkeit, der Steifheit und Kleingeisterei, des Aberglaubens und der kirchlichen Verknöcherung, des Schulpedantismus und der Unbildung, der politischen und socialen Knechtung. Und alle diese Feffeln brach es nach fortwährendem Kämpfen und Ringen gegen Ende wirklich: in der Wissenschaft swir erinnern nur an Lavoisier und Laplace für die exacten), in der Philosophie durch Kant, in den Künsten durch Kritik und classische Schöpfungen, in der Pädagogik durch Rouffeau bis Pestalozzi und auf dem großen Gebiete des politischen und socialen Lebens durch die französische Revolution. Wir haben hier einen Gedanken, ein Streben, eine That. So mannigfaltig auch die Geister, so verschieden die Tendenzen, so häufig die Ausschreitungen: in der Tiefe war es eine und dieselbe Richtung, die von Allen verfolgt wurde, und dadurch wurde das Ziel erreicht. Nichts dergleichen in unserem Jahrhundert. Sehen wir es uns ein wenig näher an. Mit dem Beginne desselben errichtete Napoleon seinen ungeheuerlichen Thron auf den Trümmern der französischen Republik und vieler alter Reiche, strebte, die alte Idee einer Universalmonarchie zu erneuern, und ließ die revolutionäre Freiheit in einen unerträglichen Despotismus ausgehen. Zwei neue Revolutionen folgten