Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1870)
- Date
- 1870-09-06
- Page
- Seite 715 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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715 Tugend von der Würde ihrer Existenz abhängt, d. h. von der Gleichheit im Hause! von der Gleichheit der gemeinschaftlichen Theilung! von der Möglichkeit sich zu verheirathen und nicht zu errothen zu brauchen über den Reichthum des Bruders, der ihr mittelmäßiges Vermögen beschimpft. »Herr Jules Favre verliest noch eine Entscheidung des Staatsrathes, der so den Eivilstanv von der Erbfolge trennt, und er erklärt, daß, wenn man den Civilstand mit der Erbschaft vermischt, man damit Alles verwirrt. Alles umstößt.) Der Civilstand kann von dem religiösen Gesetze geführt werden, aber das Erbrecht wird nur von dem Civil- und politischen Rechte beherrscht; dieses rufen wir an, dieses enthält die Keime der Civilisation und des Fortschrittes, zu denen das Gesetz Mosis sich nicht erheben kann." Herr Cremieux hebt den Handschuh mit jener Begeisterung und jener Kraft auf, die an ihm bekannt sind. „Wir sind dem jüdischen Gesetze gefolgt, und dieses Gesetz greift man so heftig an. Denken Sie nicht, meine Herren, Laß die Beschuldigungen meines Gegners gegen die jüdische Religion auf einer ernstlichen Basis beruhen. Die Bibel ist ein großes Buch! nicht allein hinsichtlich der Religion, welche auszuüben sie den Juden auferlegt; ich will nicht das Gewipen der Menschen berühren und ihre religiösen Ueberzeugungen prüfen; aber sie ist groß besonders durch ihren Inhalt. Wie oft, abgesehen von allen frommen Gedanken, habe ich sie mit Bewunderung gelesen! ja, mein lieber College, wie ich auch die Ilias, die Odyssee und alle diese herrlichen Meisterwerke lese, die Ihr Glück ausmachen und auch das meine! O ja, ich kenne alle ihre Grundsätze, und wenn Sie sie kennen würden, so würden Sie sich nicht im Rechte glauben, dieses Gesetz „verdammt" zu nennen, welches die Religion als aus dem Munde Gottes gegangen uns vorführt, und das die aufgeklärten Menschen als eines der schönsten Monumente des Alterthums bewundern. Ja, Sie haben dieses Gesetz verdammt, und Sie wählten Ihren Tag sehr schlecht dazu. Es war am Pfingstmontag; derselbe Tag, an dem die Juden zum dreitausend vierhundertsten Male den Jahrestag feierten, an dem Gott ihnen dieses Gesetz gegeben hat! Und die beiden Frauen, welche Sie vertheidigen, haben, während Sie ihr Gesetz verdammen, ihr Haupt gebeugt in dem jüdischen Tempel, indem sie sich mit Liebe des Tages erinnerten, an dem vom Sinai, von Donner und Blitz umgeben, ihr Gott die zehn Gebote verkündigte, vor welchen Ihr, Ihr Christen, noch heute Euer Haupt beuget." Und dann später: „Ich hörte gestern diese Gesetze verleumden, aber sie haben wenigstens, wie Sie selbst zugestehen, den Bortheil des Alterthums für sich. Und ist dieser Gedanke denn nichts für Sie? Es lebt seit 4000 Jahren, dieses Gesetz, und die, welche es erhalten haben, haben es unausgesetzt mit einem Eifer befolgt, der niemals erlahmt ist. Immer treu, haben sie den Verfolgungen, den Scheiterhaufen widerstanden, welche noch heute nicht überall erloschen sind. An diesen Anker des Heiles geknüpft, gehen die Juden nicht unter; sie haben die Unsterblichkeit ihres Gesetzes. Die Christen sagen, daß die Juden als ein glänzender Beweis der göttlichen Rache leben. Nun denn! Warum diese Gottheit verleumden? Es giebt keine göttliche Rache, es ist die göttliche Macht, die göttliche Güte, und die Juden sagen: Wenn wir nicht untergehen, so ist es, weil unser Gott gesagt hat, daß wir ein Volk von Priestern sind, und daß wir den Glauben an einen Gott unter die Nationen des Weltalls tragen sollen. -Hören Sie, was Gott ihnen an jenem feierlichen Tage gesagt, dessen Fest sie gestern feierten: „Ich bin dein Gott, ich habe dich aus der Knechtschaft Aegyptens geführt... „Du sollst keinen anderen Gott vor meinem Angesichte haben." Und sie haben niemals emen anderen Gott gehabt als den Gott des Sinai. Die Verfolgung hat sie gebeugt, zerstreut; ihr Tempel ist zwei Mal zerstört worden, sie wurden in alle Länder der Welt zerstreut, und überall haben sie das Gesetz und den Namen ihres Gottes verkündet. Und ihre unglücklichen Stamme beweinten das ferne Vaterland, super fliimina Babylonis. Und noch heute erinnern Sie sich in Ihren christlichen Gebeten^dieser Zeiten der antiken Station, die Ihrer vollen Sympathien so würdig ist, die niemals ihren Glauben verändert hat und die ihn seit der Schöpfung der Welt bekennt. Meine Herren, wir sprechen mit der Bibel, aber nicht den Geologen, welche unserer Erdkugel einige hunderttausend Jahre geben. Die Juden konnten vor den Göttern der anderen Stationen gebeugt werden, aber sie sagen: der unsere ist einzig, ist untheilbar, er kann nicht körperlich erschaut werden; wir sind SStonotheisten. Ihr selbst, wenn Eure heilige Religion drei Personen in Gott zuläßt, so beeilt sie sich wohl, zu sagen, daß es ein einziger Gott in drei Personen ist. Dies, meine Herren, ist der Monotheismus, welchen noch die unsterblichen Reste des Volkes Israel verkünden, die beiden Stämme Levy und Benjamin,*) die also bis zum Patriarchen Jacob hinaufsteigen. Nicht wahr, meine Herren, Eure Adligen besitzen nur einen sehr jungen Adel neben dem unsrigen? Uebrigens, wenn es sich darum handelt, Bürger zu sein, so haben die Juden verstanden es zu sein, und Frankreich 1848 hatte zum Finanzminister einen Juden. Hören Sie, meine Herren, einen Juden im Finanz- *) Soll heißen Levy und Juda. Redalr.