Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1870)
- Date
- 1870-09-06
- Page
- Seite 708 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226781--28708-3302558- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
708 unter großem Geleite zur Erde bestattet. Trat der Verklärte durch seinen biederen Charakter, durch seine liebenswürdige Persönlichkeit vortheilhaft hervor, zeichnete er sich durch seine glühende Liebe für das Judenthum aus, so erwarb er sich auch um die hies. Gemeinde große Verdienste, da er lange Zeit Führer der hies. Fortschrittspartei war, zu den Gründen des Tempels gehörte und als Vorstandsmitglied namentlich für die angemessene Ordnung des Gottesdienstes wirkte. Wir beklagen daher seinen Heimgang um so mehr, als wir hoffen konnten, ihn noch lange und kräftig für unser Wohl thätig zu sehen. Die allgemeine Theilnahme sprach sich bei dem Leichenbegängnis aus, welchem viele unserer Behörden, Mitbürger und zahlreiche Glieder der Gemeinde beiwohnten. Am Grübe sprachen die HH. Markusfeld, Dr. Dankowicz und A. Jäner ergreifende und ehrende Worte. Möge diese Theilnahme der trauernden Familie zum Tröste gereichen. Aus Galizien, 24. Aug. (Privatmitth.) Die jüngsten Vorgänge in Lemberg, Tarnow und anderen Orten geben Zeugniß, wie unterwühlt noch immer der Boden der österreichischungarischen Monarchie ist. Die völlige Ruhe und Sicherheit wird nicht erreicht werden, bevor nicht dieser unselige Nationalitätenzwist beigelegt worden. Sie werden sagen: das ist eine traurige Aussicht, denn wann wird dieses Ziel erreicht werden! Wir geben dies zu, können es aber nicht ändern. Was die religiösen und socialen Spaltungen früherer Zeit verursachten, das ist jetzt die Wirkung des politischen Fanatismus, den immer von Neuem anzufachen allzusehr im Interesse jener Wortführer liegt, welche die Menge zu bethören suchen, um chren persönlichen selbstsüchtigen Interessen zu fröhncn. Keinem Denkenden kann es entgehen, daß auf dem Standpuncte, welchen die österreichische Verfassung und Gesetzgebung erreicht hat, und ihrer Tendenz nach immer mehr erreichen wird, jeder Nationalität, ja jeder Individualität das Recht und die Freiheit gewährt werden, die sie innerhalb des großen Ganzen beanspruchen können. Niemand ist behindert, im Leben, in der Kirche und Schule das herzustellen, was ihm und den Seinigen zusagt, ohne den Frieden und die Einheit der Gesammtheit zu schädigen. Jede Nationalität kann die Vertretung in Reichs- und Landtag verlangen, die ihr zukommt. Die Staatscarrieren sind Jedem nach seiner Fähigkeit und Pflichttreue geöffnet. Was wollen also diese Leute? Sie wollen herrschen und unterdrücken. Ihre Nation, ihre Kirche, ihre Sprache soll die allein herrschende sein, und alle anderen, mit ihnen zusammenwohnenden und gleich berechtigten, aber an Kopfzahl an dieser und jener Oertlichkeit geringeren sollen unterthan und zurückgedrängt sein, und selbst an denjenigen Stellen, wo sie die Minderzahl bilden, sollen sie doch in Allem den Vorrang haben. Dies kann und darf ihnen nicht zugestanden werden, sowohl weil jeder Einzelne sein Recht haben muß, als auch um des Bestandes des ganzen Reiches willen. Darum nun die Erbitterung gegen Alle, die ihnen opponiren, wozu nun betreffs der Juden noch die Verachtung kommt, welche die Polen in früherer Zeit gegen sie hegten, und die nun als gleichberechtigte Factoren in Staat und Gemeinde anzuerkennen ihnen überaus schwer fallt. Gerade deshalb aber ist es die Pflicht der Juden, an der Verfassung festzuhalten, und es vereinigt sich hierin die Pflicht gegen den Bestand des Staates und die Pflicht der Selbsterhaltung. Mögen wir uns daher von einzelnen Vorkommnissen und Beschwerden nicht beirren lassen; möge sich hier jene unserem Stamme eigenthümliche Zähigkeit glänzend bewähren; wir kämpfen hier für wahres Recht und wahre Frecheit. Frankreich. Aus dem Elsaß, 24. Aug. (Privatmitth.) Wie die Schrecken des Krieges über uns gekommen und wie schwer sie auf uns lasten, brauche ich Ihnen nicht zu schildern. Sie wünschen einige statistische Angaben über unsere Glaubensgenossen in den beiden Provinzen Elsaß und Lothringen, welche, wie es die Aussicht hat, die Deutschen nicht wieder herausgeben werden, und ich will sie Ihnen nach den besten Tabellen geben. Durch diese Lostrennung würde die größere Zahl der Juden in Frankreich aufhören, diesem Staate anzugehören. Denn man zählte im Elsaß 46,300 Juden und in Lothringen 8800, zusammen 55,100, während man im übrigen Frankreich außer Paris nur 12,400 Juden berechnet. Der Elsaß umfaßt 3 Consistorialsprengel. Der eine Straßburg mit 20,800 Juden. Die große Gemeinde Straßburgs hat viele schöne Institute, namentlich die blühende „eeole des arts & metiers“, welche bereits sehr viele jüdische Künstler und