Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1870)
- Date
- 1870-09-06
- Page
- Seite 706 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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706 welcher Beide ihre Ziele verfolgten, anzuführen. Die GewaltthLtigkeit, die Hinterlist und der Trug, mit :velchcn Napoleon 111. verfuhr, unv die ihn in diesem Augenblicke die Frucht seiner ganzen Lebensarbeit verlieren lassen, finden sich auch nicht in entferntester Weife im Leben D'Jsraeli's wieder, der stets offen und umunwunden die höchste Gewalt niederlegte, sobald die Majorität des Parlamentes schwankend wurde. Unter den Schwierigkeiten, welche D'Jsraeli auf seiner Laufbahn zu überwinden hatte, zählt der Nerf. auf „seinen Namen, offenes Zeichen eines Ursprungs, der gegen ihn Borurtheile erheben mußte, welche Dank zum Theil seines eignen Erfolges, gegenwärtig abgeschwacht sind, aber vor zwanzig Jahren noch furchtbar waren." Wir geben zu, daß die vom Verf. zwischen Heine und D'Jsraeli in geistreicher Weise aufgestellten Aehnlichkeiten nicht ganz ohne Grund sind; sind auch weit davon entfernt, diese in einigen Grundzügen des jüdischen Stammcharakters verkennen zu wollen. Allein der Verfaffer übersieht hier, daß die Tendenz der Zeit und die Aehnlichkeit der Lerhältniffe, aus denen diese ehrgeizigen Persönlichkeiten herausstrebten, einen nicht geringen Antheil daran hatten. Der jüdische Geist hat sich in den verschiedenen Zeitaltern sehr verschieden manifestirt, und ein Maimonides, Spinoza und Mendelssohn erweisen sehr geringe Aehnlichkeit mit dem Charakter, der Tendenz und der Färbung Heines und D'Jsraeli's, wie wiederum die Kabbala, die Halacha, die Exegese eines Philo und eines Aben-Esra Erzeugniffe des jüdischen Geistes sind, zwischen denen ganze Welten zu liegen scheinen. Es ist stets leicht, von einer und der anderen bestimmt vor uns stehenden Persönlichkeit zu sagen: das ist der Charakter des jüdischen Stammes, während doch ganz entgegengesetzte Erscheinungen aus demselben Ursprung hervorgegangen sind. Gleichheit des Zeitcharakters und der Verhältniffe bringt auch Aehnlichkeit der Products hervor, allerdings auch in ihrer Wirkung auf ein gleiches ursprüngliches Element. Wir können es daher nur als die Borliebe für Piquantes ansehen, wenn der Verf. sofort allgemeine Verhältniffe der Juden hereinzieht, und sie nach dem Standpuncte jener persönlichen Naturen beurtheilt. Allerdings konnten die Juden keine große Verehrung für die feudalen Institutionen, für die Erbschaft der christlichen Staaten aus dem Mittelalter hegen. Aber der Verf. vergißt, daß diese Verehrung auch in der unerineßlichen Mehrheit der Christen nicht mehr vorhanden war, daß die Juden daher sich nicht deshalb gegen jene wandten, weil sie darunter gelitten, sondern weil sie die Christen im heftigsten Kampfe gegen sie fanden, und daher auf die Seite der Kämpfenden, die bereits auch schon fast Sieger waren, treten mußten. Stein! nicht als „Almosen" empfingen wir das Bürgerrecht, sondern indem wir es als unser natürliches Recht erkannten, weil es uns die einzige Basis der fernern Existenz war, und in den meisten Ländern, z. B. in Deutschland und in England selbst, mußten wir heftig und lange darum kämpfen; in anderen Ländern muffen wir es nock — ja Schritt vor Schritt, das thut man nicht um ein Almosen, sondern um ein Recht. Gerade aus diesem Bewußtsein des Rechts und aus dem bittern Gefühl der Verweigerung ging die Ironie eines Heine, aus dem Bewußtsein seiner Kraft und den Schwierigkeiten seiner Stellung gir^g die Ironie eines D'Jsraeli hervor — nicht aber aus den Gefühlen der Verachtung und der Rache um der frühern Verfolgungen der Väter willen. Man sieht auch hier wieder, daß die geistreichsten Christen die Juden als solche zu begreifen und zu verstehen nicht vermögen und aus diesem Grunde ihnen Motive unterschieben, die ihnen selbst geläufig sind. Zeitungsnachrichten. D eutscbland- Berlin, 24. August. «Privatmilth.) Die Verblendung der Menschen, wenn sie vom Parteigeiste beherrscht sind, ist groß. Die Hofblätter des Papstes schlagen jetzt großen värm über das göttliche Strafgericht, wel ches Napoleon so sicbtbarlich getroffen, denn in der Stunde, wo seine Soldaten Rom verließen, erhielt er die erste große Niederlage. Diese päpstlichen Höflinge aber sehen nicht ein, daß dasselbe Strafgericht auch sie getroffen. Denn kaum, daß die Unfehlbarkeit procla mirt und der Syllabus sanctionirt, somit der päpstliche Stuhl über alle Throne der Erde als unumschränkte Machtfüllc erhöht worden — und der Papst geräth auf Gnade oder Ungnade in die Willkür seines Feindes, des Königs von Italien I — Ein gleiches Strafgericht ereilt in diesem Augenblicke jenen tartarischen Urheber der rumänischen Judenverfolgungen, Johann Bratiano, und seinen Spießgesellen Golesco.