Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1870)
- Date
- 1870-09-06
- Page
- Seite 705 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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705 des Judenthums aus freiwilligen Spenden und Steuern unserer Glaubensgenoffen selbst noch nicht zur Verwirklichung gekommen, begrüßen wir mit Freude die hochherzige, wenn auch nur gerechte Absicht des österreichischen Unterrichtsministeriums, und wünschen nichts sehnlicher, als daß ihr die Ausführung gelinge, und nicht die Juden selbst dieser die größten Schwierigkeiten wieder in den Weg legen. Möge das k. k. Unterrichtsministerium sich über die widerwärtigen Streitigkeiten der jüdischen Parteimanner hinwegheben, und durch die objective Behandlung der Sache endlich eine factische Lösung herbeiführen'. Zu diesem Wunsche veranlaßt uns die bereits abermals schon jetzt betonte Ortsfrage. Möge sie sich schnell und einfach entschließen, diese jüdisch-theologische Facultat den beiden christlichen theologischen Facultäten der Wiener Universität anzureihen, und ihr die Einrichtungen einer solchen Facultat zu gewähren. Außer Wien könnte nur Prag in Betracht gezogen werden. Wir wollen weder der Gemeinde, noch den trefflichen Männern in Prag zunahe treten. Aber Wien ist jetzt der Mittelpunct auch der österreichischen Judenheit, wir meinen aller Staaten der Monarchie; die Wiener Gemeinde recrutirt sich fortwährend aus allen Staaten Ungarn-Oesterreichs; es weht dort ein frischerer Geist und eine frischere Schöpsungskraft, und man leidet nicht an der politisch-nationalen Zerriffenheit wie in Prag. Was die innere Organisation betrifft, so wäre durch das Facultätsprincip die schwierigste Frage gelöst, und die Ausfüllung des gegebenen Schemas wird von objectiven Sachverständigen leicht hergestellt. Wir sind mit den Formen der österreichischen Facultäten allerdings nicht so speciell vertraut, um beurtheilen zu können, welche Modificationen und Berbefferungen für die jüdisch-theologische Facultät wünschenswerth, ja nothwendig seien, und namentlich, wie der unumgänglich nothwendige jüdische Beirath für die Einrichtung und Ordnung der Facultät selbst und die Wahl der Profefforen beschaffen und einzurichten sein müffe. Jndeß der gute Wille des Ministeriums wird hierin so vielen einsichtsvollen Männern begegnen, daß die Ventilation dieser Fragen ihm keine großen Schwierigkeiten machen wird. Nur laste man diese Angelegenheit nicht wieder in die Sackgaffe der Parteigänger verlaufen, denn da wäre sie verloren. Wir sprechen es gern aus, daß die Kunde von diesem Schritte des österreichischen Unterrichtsministeriums uns in den Tagen des furchtbaren Kampfes, der jetzt auf den Schlachtfeldern in Frankreich wüthet, eine freudige Ueberraschung bereitete. D'Zsraeli. (S ch l u ß.) „So erklärt sich die Hälfte des Talentes des H. Heine und des Herrn D'Jsraeli; aber H. Heine besaß immer nur einen literarischen Ehrgeiz. Trotz seiner kriegslustigen Laune, obgleich er wollte, daß man auf seinen Grabstein eine Feder und einen Degen eingrabe, war er doch zu sehr ein wahrer Dichter, um es sehr lebhaft zu wünschen, in das öffentliche Leben einzutreten, selbst wenn der Zustand Deutschlands zu seiner Zeit es ihm gestattet hätte. Er berührte .die Politik nur als ein Mann der Phantasie, wegen der Emotionen, nach denen er dürstete, und weil sie seinem moquanten Genie unerschöpflichen Stoff bot. Er begnügte sich damit, Napoleon zu bewundern, ohne ihm nachahmen zu wollen. Ganz im Gegentheil bekundete D'Jsraeli schon in seiner Jugend den Ehrgeiz, ein politischer Regenerator zu werden. Es waren ihm keine Träume zu kühn, in denen er sich nicht wiegte, und er machte auch kein Geheimniß aus seinen Plänen. Die erste Stelle unter seinen Zeitgenosten in seinem Baterlande ist die einzige, welche er für seiner würdig hielt, er glaubte fest, berufen zu sein, sie zu bekleiden, und er zögerte keinen Tag, dies der Welt zu erklären. Die Gesellschaft, welche seine israelitischen Brüder durch die Macht des Geldes beherrschten, er stellte es sich zur Aufgabe, sie auch zu beherrschen, indem er die politische Gewalt erobere. Sein Glaube an seine Mission trotz des Spottes und der Schlappen, sein festes Vertrauen auf die Zukunft, welches kein böses Vorzeichen jemals getrübt hat, seine Geduld, die niemals ermüdete, neue Pläne zu bilden, seine Utopien zu entwickeln, erinnern unwiderlegbar an Napoleon III. Seine Geburt, seine Erziehung hatten ihn nicht, wie den Sohn der Königin Hortense, zum Prätendenten vorbereitet: nichtsdestoweniger ist er es so lange gewesen, wie er es in einem constitutionellen Lande sein konnte, und er benahm sich wie ein solcher, ohne einen Augenblick an sich zu zweifeln." Der Lerf. führt diese Vergleichung D'Jsraelis und Napoleon III. noch etwas weiter. Jndeß vermag er nichts mehr als die Zähigkeit und die Gewandtheit, mit