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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-09-06 · Heft 36 (6.9.1870) · p. Seite 703

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 36 (6.9.1870)
Date
1870-09-06
Page
Seite 703 (sequence 3)
Language
German
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703 Recht, und weil auf unserer Seite bis jetzt den Forderungen der Humanität genügt worden, so weit dies in einem solchen Kampfe nur irgend möglich. Gott sei Dank! das Urtheil der Welt und die Thatsachen berechtigen, dies so einfach und bestimmt auszusprechen. Wir können heute schon sagen, daß die unparteiische Weltgeschichte ebenso urtheilen wird. Und darum wende man nicht ein, daß doch auch wir den Schaden zu tragen hätten und nicht bloß die, welche das Unheil angestiftet. Wir haben Opfer, schwere Opfer an Blut und Gut zu bringen, aber keinen Schaden zu tragen. Der Aufschwung der Nation, die Vereinigung aller ihrer Glieder, die Erprobung ihrer Kraft, der Geist des Rechtes, die allseitige Bethätigung wahrer Humanität, die unbegrenzte Uebung der patriotischen Wohlthätigkeit, der edelsten Barmherzigkeit auch am besiegten und verwundeten Feinde, sie sind so große Güter, sie eröffnen eine so bedeutende Zukunft, daß von Schaden aus unserer Seite nicht die Rede sein kann. Fragen wir nun nach den Quellen dieses ganzen Ereignisses, das wir betrauern, so mögen wir hier auf Folgendes hindeuten. Die Humanität ist noch immer nicht zur Religion geworden. Sie ist in der großen Gesammtheit und Mehrheit der Menschen immer erst noch ein Ausfluß der Verstandesbegriffe, der gemilderten Sitten, des allgemeinen Interesses, des Anstandes. Aber zur innersten Statur, zum naturwüchsigen Dasein der Seele, zum integrirenden und selbstverständlichen Element der ganzen menschlichen Empfindung, zum wahrhaften Eins mit unserem religiösen Bewußtsein und Gefühl, mit unserem religiösen Denken, Empfinden und Wollen, dazu ist sie noch nicht geworden. Und so lange sie dies nicht ist, so lange dies nur in einzelnen, geläuterten und gehobenen Persönlichkeiten ist: so lange kann ihre Herrschaft in der Menschheit nur erst als schwach begründet, der Erschütterung jedes Stoßes, jedes Anpralls ausgesetzt angesehen werden, und wo sich irgend der Sturm einer Leidenschaft erhebt, werden wir sie weichen, schwanken, stürzen sehen. Aber ein wesentlicher Grund wiederum hierfür ist: daß die bestehenden Religionen sich viel zu wenig mit der Humanität identificirt haben. Solange die Religionen ihr Wesen allein im Glauben finden, ihren Hauptton auf formulirte Glaubenssätze legen, ihre eigentliche Bethätigung in der äußerlichen Uebung von Ceremonien, in der bloßen Unterwerfung unter überlieferte Satzungsformulare suchen; so lange sie in diesem Geiste die Menschen in feindliche Parteien aus einander zu reißen und auseinander zu halten streben, verketzern und verdammen, Unduldsamkeit und Verfolgung predigen, nach Beherrschung der Menschen, nach Glanz und Ehren ringen — so lange, mögen sie auch noch so erhabene Sätze und Lehrmeinungen theoretisch vor sich hertragen, sind sie mit der Humanität nicht Eins, sind nicht selten der Humanität feindselig, hindern und beschädigen sie. Dies ist eine Wahrheit, die leider durch so viele Thatsachen erst in den jüngsten Tagen sich erwiesen hat, daß wir sie nur auszusprechen, nicht weitläufig zu erhärten haben. Sic giebt uns Fingerzeig genug, wohin ein großer Theil der zukünftigen Arbeit zu lenken ist. Die Humanität muß Religion werden, und die bestehenden Religionen müssen sich mit der Humanität identificiren. Aus dieser so gestellten Aufgabe geht hervor, daß die Religion gestärkt, mit aller Kraft genährt und gepflegt werden muß, daß, da der Mensch immer einen concreten Boden unter seinen Füßen haben muß, die bestehenden Religionen nicht unterwühlt und beseitigt werden dürfen, daß sie aber geläutert, zu höherem Sinne entwickelt, von aller Herrschaft des Aeußerlichen, von Forinalismus, Verketzerung, Streit- und Zanksucht gereinigt werden müssen. Wir wissen wohl, daß dies keine Aufgabe einer bestimmten kurzen Zeit, einer flüchtigen Gegenwart ist, daß sie nur durch ein langes, unermüdliches Streben, durch eine glückliche Entwickelung gelöst werden kann — aber wichtig, über Alles wichtig ist es, daß sie den Menschen imurer mehr zum Bewußtsein, zur klaren, einfachen Erken ntniß werde. Dahin müssen wir streben, das ist ein edles und großes Ziel! Die jüdisch-theologische Facultiit in Men. Wie wir in vor. Nr. bereits mitgetheilt, hat die kaiserliche Slaatsregierung einen wesentlichen Schritt gethan, um die auch in Oesterreich längst erwünschte Grünvung einer jüdisch-theologischen Facultät zu bewerkstelligen. Man schreibt: „Wie das „Fremdenblatt" erfährt, steht eine Maßregel der Regierung bevor, welche die seit den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts ventilirte Frage bezüglich der Errichtung einer össentlichen höheren theologischen Lehranstalt für Israeliten zum Abschluß bringen dürfte. Seit der Errichtung 36*

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