Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1870)
- Date
- 1870-09-06
- Page
- Seite 702 (sequence 2)
- Language
- German
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702 aufregende, erzürnende, die Leidenschaft erhitzende Vorgänge und Veranlassungen vorangegangen, und diese Raserei bringt ein Volk, das Anspruch machte, auf der ersten Höhe der Cultur zu stehen, dazu, die ersten Gesetze der Cultur zu verhöhnen, und wie die Spanier gegen die Indianer, Maurisken und Juden zu verfahren! Was haben also, fragt man, die unermüdlichen Arbeiten und Anstrengungen zu Gunsten der Humanität genützt? Man errichtet unzählige Stätten des Unterrichts von der Volksschule bis zu den Mittelpuncten der höchsten Wissenschaft; der Genius ringt ohne Aufhören, die erhabensten Gesetze der Kunst in Ausführung und zur Veredelung der Geister zu bringen; von zahllosen Kanzeln wird Tag um Tag Religion und Sittlichkeit gepredigt; eine unendliche Literatur sucht Kenntnisse, Aufklärung der Begriffe, geistiges Leben und künstlerischen Genuß durch alle Völker und deren Schichten zu verbreiten. Man schmiedet mit dem Aufgebote der bedeutendsten Kräfte Gesetz nach Gesetz, um dem Rechte nach allen seinen Verästelungen die volle Befriedigung zu schaffen; man discutiri unermüdlich, ob man dem todeswürdigen Verbrecher die Todesstrafe angedeihen laffen dürfe, und wie man andrerseits jede Wunde zu schließen, jedes Siechthum zu heilen vermöge — und dann in einem Augenblicke vergißt man der Wissenschaft und der Kunst, der Religion und Sittlichkeit, des Rechtes und der Humanität, und häuft unbegrenzte Mittel, zahllose Menschen zu tödten und unheilbare Wunden zu schlagen! Andrerseits, was hat man von der Verbrüderung der Völker durch die enge Verschmelzung ihrer materiellen Interessen, durch tausendfältige Communicalionswege, durch immer fester gezogene Verbindungen und Verträge, durch die Freizügigkeit des einen zu dem anderen gehofft, und was hat alles Dies geholfen? Noch heute vermag eine kurze Zeit den bittersten Haß zu entflammen, alle Verbindungen abzubrechen, alle gegenseitigen Interessen mit Füßen zu treten und die roheste Verfolgung hereinbrechen zu laffen! Fürwahr, man gewöhnt sich nicht leicht an den Gedanken, daß alles Dies noch heute möglich sei; man zweifelt, bis unwiderlegliche Thatsachen laut genug sprechen; man will sich nicht überzeugen, daß alle jene Schutzmittel wie Wachs vor der Gluth zerrinnen, daß die Barbarei herein zu brechen vermag, wie eine plötzliche Springslnth die stärksten Dämme durchbricht, wie ein augenblicklicher Sturmwind die Stämme der Eichen abknickt. Und dennoch ruft uns eine innere Stimme zu: es ist eine Prüfung. Wie eine Prüfung haben wir es zu bestehen; und wenn wir sie bestanden, wird uns ihr Endziel und ihre Wirkung klar werden. Wie eine Prüfung — und darum soll sie uns zunächst zur Demüthigung gereichen. Der Schmerz, den wir fühlen, rührt nicht blos von der Trauer über die Dinge und Geschehnisse selbst her, sondern auch aus dem verwundeten Stolze, den wir über die Errungniffe der Zeit, über die Schöpfungen unseres Geschlechtes empfanden. Jetzt wissen wir, daß, was wir für so stark und gewaltig erachteten, noch sehr schwach und gegen den aufwirbelnden Orcan ohnmächtig gewesen; von dem wir glaubten, daß es seine Wurzeln tief durch die Erdrinde getrieben, wir haben erfahren, die List eines Schwindlers und die Eitelkeit einer Station konnten es entwurzelt aus den Boden niederwerfen; wir gewahren, daß unser Bauwerk nur ein schwaches Fundament gehabt, und als freche Hände auf seine Ecken stießen und an seinen Säulen rüttelten, schwankte es und kein kleiner Theil desselben brach zusammen. Das lernen wir zunächst; aber brauchen wir darum zu verzweifeln? Die Natur des Menschen ist schlimm und gut; der Kampf des Bösen mit dem Guten ein uralter; nur Schritt nach Schritt vermag sich das Recht über das Unrecht eine Herrschaft zu erringen; und wenn wir so recht vorwärts gekommen zu sein glauben, darf es uns dennoch nicht überraschen, wenn wir sehen, daß die Bosheit noch nicht untergegangen, sondern wieder und immer wieder einmal mit der Tovtenhand nach dem Herrscherstabe greift und ihn auf einige Zeit festhält. Nur nicht nachgegeben, nicht geschwankt, sondern fest gestanden nnd nur um so kräftiger gerungen: wir werden ihn ihr schon wieder entreißen, und niedergeschmettert und Fluch beladen werden diejenigen den Schaden tragen, die diesem Majestätsverbrechen an der Menschheit ihre Kräfte geliehen. Das heißt nichts Anderes: wir sollen nicht verzweifeln, und indem wir Alle das Schmachvolle mit dem rechten Namen benennen, dagegen protestiren, ihm die Wege der Nacheiferung abschneiden und die furchtbaren Giftkeime ersticken, welche in aller Eile ausgestreut werden, haben wir schon Etwas gethan nnd den zukünftigen Sieg von Neuem gesichert. Und wahrlich, wir Deutsche haben in diesem Kampfe wohl Ursache zu trauern, nicht aber zu verzweifeln, nicht sowohl, weil unser der Sieg, bis heute ein rascher, bewunderungswürdiger Sieg, sondern weil auch unser das