Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1870)
- Date
- 1870-09-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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36 34. JahrqlMA. Allgemeine Zeitung des Juden thmns. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Heran s geg eb en von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. Leipzig, den 6. September 1870. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal Dienstag«, in 2 bis 2'/, Bogen. Preis des Jahrgangs 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Vierteljährig 1 Tblr. Inserat: werden mit I ’/2 Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expeditione» nehmen Beste!» ' -langen an; der Haupt-Expedilion für beide Letztere hat sich das König!. Sachs. Haupt-Zeitungs-Bureau unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Was müssen wir erleben! — Die jüdisch-theologische Facultat in Wien. — D'Jsraeli. «Schluß). Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Trier. — O est erreichischungarische Monarchie: Aus Ungarn, Krakau, Aus Galizien. — Frankrei ch: Aus' dem Elsaß.— Amerika: Cleveland. — Japan: Joko- Feuilleton-Beilage: Gebete wahrend des Krieges. VIII. Ein Erbproceß in Algier. — Die Judensprache in Surinam. Curiosum. — Vermischtes. Leitende Artikel. Bonn, 24. August. Was müssen mir erleben! Was müssen wir erleben! Eine Reihe von sechs Schlachten wird in vierzehn Tagen geliefert, und über 100,000 Menschen verlieren in denselben theils ihr Leben, theils ihre Gesundheit auf lange Zeit oder ihre gesunden Glieder auf Lebenszeit! Städte werden in Brand gesteckt und in Trümmer geschossen, und die Verheerungen des Krieges über weite, fruchtbare Landschaften gebracht. Was müssen wirerleben! Aus jener sg. „Metropole der Civilisation" werden über 30,000 friedliche, fleißige Menschen, zumeist Arbeiter mit Frau und Kindern unter Schrecken und Mißhandlungen, größtentheils mit erzwungener Zurücklassung ihrer Habe verjagt und über die Grenze getrieben; der neue Obergeneral derselben Stadt fordert in einer salbungsreichen Proklamation die Einwohner zur Lynchjustiz gegen Jeden auf, der ihnen mißfällt; ein orleanistischer Prinz belobt die Bauern', welche hinterrücks feindliche Krieger, auch verwundete, erschlagen; man achtet die herrliche Genfer Convention nicht und schießt auf die Aerzte und Heilgehülfen, auf die Sanitätsambulanzen; man achtet das uralteste Völkerrecht nicht, und schleudert Geschosse auf Parlamentäre trotz ihrer weißen Flagge. Wohin unser Auge fallt, begegnet es den unübersehbaren Opfern des blutigsten Kampfes zwischen den beiden bedeutendsten Culturvölkern, und dies schon aus einem einzigen Kriegsmonate. Zahllose Familien haben ihre theuersten Glieder verloren, ihre schönsten Hoffnungen in das allzu frühe Grab stnken sehen. Ueberallhin ergießen sich die Züge der Verwundeten, die bereits Frankreich wie Deutschland mit Lazarethen und Krankenhäusern übersäen. Wo giebt es Worte, welche alle diese Greuel und all' dieses Elend zu Ende schildern können! Das Herz des Menschenfreundes ist aufs Tiefste 'getroffen, und unsägliches Weh füllt seine Seele, so freudig sie auch in den Siegesjubel des Vaterlandes einstimmen möchte. Vor seinen Augen steht die trauernde Menschheit, jene erhabene Humanität, die aus tausend Wunden blutet. Das ist es also, was wir in unserem Jahrhundert erreicht sehen! Ein verblendeter Fürst, der sich aus Meineid und Mord, aus Bestechung und Gewaltthat, aus Lug und Schwindel einen Thron zusammengezimmert, vermag unvorbereitet, überraschend die zerstörende Kriegsflamme anzuzünden, und seine Nation in Haß und Barbarei zu versetzen, urplötzlich, ohne daß