Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1870)
- Date
- 1870-08-30
- Page
- Seite 698 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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698 angelegt. Wir gewahren es. Neben den furchtbaren Leidenschaften, welche der Krieg weckt, denen er entsprang und die er großzieht und nährt, wie weckt und entfaltet er auch die erhabensten Tugenden, Kräfte und Eigenschaften des Gemüthes, der Seele, die zwar auch in der Stille des Friedens walten und wirken, aber in solch' bewunderungswerthen Maaßen, in solcher Hoheit und Fülle nur die Gefahren, Bedürfnisse, Stürme des Krieges begleiten! Zu wie hohen Wogen schlagt die Vaterlandsliebe empor! Wie regt sie sich in Gemüthern, die langst dafür abgestorben schienen, in Fernen, die des Bodens längst vergessen sein konnten, auf welchem die Wiege gestanden und der Väter Gräber stehen; wie hat sie alle Herzen entflammt, des Alters wie der Jugend, zu welchen Opfern sie begeistert, daß jedes Sonderinteresse schweigt, jeder persönliche Vortheil verstummt. Alles, Alles dem Vaterlande zu gehören scheint! — Und doch denke ich heute dieser weniger. Aber jene hohe, erlauchte Menschenliebe, die zur vollsten Hingebung, zur edelsten Selbstaufopferung, zu rastloser Thätigkeit anfeuert, die alle Unterschiede des Standes, der Bildung, des Glaubens, selbst, wo es nothig ist, des Geschlechtes aufhebt, und die sich des Feindes nicht minder erbarmt, des Besiegten annimmt, und den Pflegt und aufrichtet, der gestern noch mit den Waffen gegenüberstand — ja, das ist das Göttliche im Menschen, dies der Hauch, den du ihm eingeblasen, dies dein eigen Theil, Allliebender, dessen du ihn gewürdigt! Wie hebt es uns über alle Gemeinheit und Gewöhnlichkeit des Lebens hinweg, wenn wir all die Veranstaltungen, die Vereine, die Gaben betrachten, zur Unterstützung, zur Erfrischung, zur Linderung, zur Heilung — wie Personen, die nicht daran gewöhnt sind, sich zu thatlicher Hülfeleistung herandrängen, auf den Schlachtfeldern, in den Lazarethen, auf Wegen und Plätzen, ob Freund oder Feind, sobald er der Noch, dem Siechthum anheimgefallen, verwundet, sterbend ist — wie selbst der Dürftige von seinem Wenigen bringt, der Schwache die Hände rührt zu Verbänden, Charpie und allen nützlichen Mitteln — wer vermag es auszuzählen.... dtein! nein! der Krieg bleibt verabscheuungswerth — er ist ein Fluch, der dem BLlkerleben noch anklebt, und der von ihm verschwinden muß — aber tröstlich ist es und erhebend, Zeugniß von der unverwüstlichen Herrlichkeit des Menschengeistes, wie du ihn geschaffen, daß unter all' den Disteln und Nesseln noch solche Rosen erblühen, so duft- und farbenreich, die prangen und leuchten, da sie doch nicht prangen und leuchten wollen! Ja, du, Richter alles Irdischen, nimmst sie als solches Zeugniß an, wie wir als Bürgschaft, daß das Gute und Edle doch noch den Sieg erringen werde in der Menschheit über die Bosheit und den Trug — und wo du sie gewahrest in Menge und Werth, dahin lenkst du den Sieg und den Triumph, denn da ist die wahre Kraft und die echte Würde. O Gott, so laß diese Liebe und diesen Adel in Gesinnung und Thal immerfort wachsen in unserm Dolle; laß die Brüderlichkeit in Gefühl und Wille und Werk uns Alle durchdringen, daß wir geläutert und veredelt aus diesem Kampfe hervorgehen, und wir solche Gesinnung in den Frieden hinübertragen, und uns deines Wohlgefallens und in ihm stetiger Dauer und Blüthe immer würdiger machen — Amen. Die Juden im altdeutschen Faftnachtspiel. Adolf Mannheimer, slud. phil. in Heidelberg. (Schluß.) Das hier analysirte Stück hat einen historischen Hintergrund. Im Jahre 1413 fand zu Tortosa ein religiöser Congreß Statt,*) auf dem Rabbinen gegen christliche Gelehrten kämpften und der damit endigte, daß sammtliche Juden, R. Ferrer und R. Joseph Albo ausgenommen, sich taufen ließen. Hier muß ich mich auf die Bemerkung beschränken, daß der Congreß ganz gewiß zu Tortosa Statt fand, nicht zu Rom, wie mehrere jüdische Schriftsteller angeben, und daß 16 Puncte aufgestellt waren, über die man sprach. In Folge dieses Congresses erließ Papst Benedict XIII. unter andern die Vernichtung des Judenthums beabsichtigenden Bullen eine, welche die Exemplare des Talmuds zu zerstören gebot, und eine andere, die die Verbreitung aller jüdischen Schriften, welche gegen das Dogma der Kirche gerichtet wären, untersagte. Hiermit war den Juden die Vertheidigung durch die Waffen des Geistes abgeschnitten, die sie um so nöthiger gehabt hätten, als gerade um diese Zeit eine Unmasse Flugschriften gegen sie erschienen. Aus solchen Flugschriften scheint Hans Fol; seine Kenntniß der jüdischen Literatur zu haben, und zwar, wie ich glaube, speziell aus einer Schrift über jüdische Dogmatik, die sich handschriftlich erhalten hat und in der Bibliothek zu Weimar aufbewahrt wird. Herr Prof. Keller **) giebt eine kurze Notiz über sie, indem er sich auf die Erwähnung beschrankt, die Abhandlung gehe bald in einen Dialog über und erinnere fortwährend durch die Art der Beweisführung und Ausdrücke an das hier mitgetheilte Stück. Der Anfang lautet: Judei dicunt deum studuisse in thalmut. Contra hett got gestudirt in *) Ich gebe hier die Quellen zu einer Geschichte dieses Congresies: Amador de los Rios. Les Juifs d'Espagne. aus dem Spanischen ins Französische übersetzt von Magnabal. Paris 1861. Seite 89 ff. R. Salonion Reu Virga. Geschichte der Juden, ed. 1551. R. Gedaliali. Cadena de la traduion. Rarloloeeius. bibliollioea rabbiniea. W olf, bibliotbeca hebraea. *♦) Handschrift Nr. 43. Keller, Band Hl, S. 1452.