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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-08-30 · Heft 35 (30.8.1870) · p. Seite 691

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 35 (30.8.1870)
Date
1870-08-30
Page
Seite 691 (sequence 11)
Language
German
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691 Fürth, im Aug. (Privatmitth.) Sie haben in Nr. 29. Ihrer Zeitung der Aeußerung des bair. Justizministers Erwähnung gethan, wonach derselbe bei der Freigabe der Advocatur ein Advocaten - Proletariat befürchtete, das der Concurrenz halber „jedem Juden oder Wucherer mit der Dose entgegenkomme." Herr Dr. Frankenburger, der hierauf in einer vorzüglichen Rede für die Freigabe plädirte, konnte nicht umhin, jene gerade nicht von besondrer Feinheit zeugende Aeußerung dem Herrn Minister vorzuhalten, und glaubte annehmen zu dürfen, daß es dem letzteren fern gelegen sei, mit oben gebrauchtem Ausdrucke eine Religionsgenossenschaft beleidigen zu wollen. Minister von Lutz bestätigt dies nicht nur, sondern ruft Herrn Dr. F., der seine Anschauungen aus privaten Gesprächen kenne und wohl wissen werde, daß ihm (Lutz) ein Borurtheil gegen Juden nicht anhafte, als Zeuge hierfür an und bemerkt, daß er mit den allerdings gebrauchten Worten eine Sorte Leute in Unterfranken gemeint habe, die dem Lande keineswegs zum Heile gereiche, was Dr. F. als Landsmann Lutz's wohl zugeben werde. Dies ist der Hergang der Sache, wie sie sich zugetragen, von einem durch den Gebrauch dieser Worte entstandenen Sturme in der Kammer und der daraus erfolgten Zurücknahme derselben durch den Minister haben unsre in der Regel zuverlässigen Zeitungen nichts gemeldet. Obgleich nun weit entfernt, für Lutz Partei nehmen zu wollen, können wir die Wahrheit des von ihm Gesagten in gewissem Sinne nicht in Abrede stellen. Wer etwa glaubt, wir würden uns einer Uebertrcibung schuldig machen oder uns gar unedle Motive unterschiebt, wofür wir uns von vornherein verwahren, den möchten wir, wenn es eines Beweises bedürfte, daß diese Kategorie unsrer Glaubensgenossen gerade keinen Kidusch Haschem machen, auf einige in den jüngsten Jahren vom unterfränkischen Schwurgericht ausgesprochene Verurtheilungen derselben verweisen, und wir sehen nicht zu schwarz, wenn wir die im Jahre 1S6C> theils angczettelte, theils stattgehabte Judenverfolgung in der Hauptstadt und andren Orten Unterfrankcns in innigen Zusammenhang damit bringen. Die Ursache dieses beklagenswerthen Umstandes ist leicht zu finden, und man braucht sich darüber gerade nicht besonders zu wundern; bei solchen Leuten steckt eben die ganze Religion nur in der unverbrüchlichen Uebung und Festhaltung selbst der geringsten Ritualvorschrift, des unbedeutendsten Minhags, wobei wir nicht verkennen, daß auch Acte der Wohlthätigkeit ihrem Principe entfließen. Sie haben in einigen jüngsten Leitartikeln das Gebühren der modernen jüd. Orthodoxen hinsichtlich der Formheiligkeit sehr trefflich charakterisirt, und es wäre in der That eine weit dankbarere Aufgabe, ein weit größeres Verdienst so manches orthodoxen Rabbiners, besonders in Unterfranken, dem Sitze der Orthodoxie in Bayern, den ewigen Lehr und Sirtengehalt des Judenthums mehr zu pflegen und zu fördern, ihn als dessen Wesen und Ziel zu bezeichnen, statt, wie dies meistens geschieht, nur zur Erhaltung desselben die unbedingte Beobachtung aller, selbst der bedeutungslosesten Eeremonien zu betonen. Was hilft es, wenn man;. B. das Ausgeben des Geldes am Samstag sorgfältig vermeidet und von seinem Gelde den unwürdigsten und verwerflichsten Gebrauch macht? Nur dann, wenn das Judenthum nicht als todtes Stückwerk, als todte Buchstabenlchre, sondern als schönes, vom Geiste der Nächstenliebe und Toleranz beseeltes Ganzes erscheint, werden die in der Presse und in öffentlichen Reden, selbst von hochstehenden Männern gegen uns gemachten Borwürfe verstummen zur Ehre unsrer Religion, welche die des Lichtes, der Freiheit und der Moral ist. Sigmund Heumann. Aus Württemberg, im Juli. (Privatmitth.) Erlauben Sie mir, hochgeschätzter Herr Redacteur, Ihnen heute eine Mittheilung zu machen, die es verdient in weiteren Kreisen bekaitut zu werden. — Es wird in diesen Blättern wohl zum ersten Male registrirt, daß einem jüd. Lehrer von dem betreffenden christl. Orts - gcistlichcn der Unterricht an der christl. Gemeinde - scbule übertragen wurde. — Dies geschah aber vor vor Kurzem in dem Dorfe Hahberg bei Ludwigsburg. Der sehr humane Protest. Pfarrer Richter stellte in einer Sitzung des Ortsschulraths den Antrag, den jüd. Lehrer Mainhardt zu ersuchen, den Unterricht an der Oberclasse der Gemeindeschule zu übernehmen. Dieser Antrag war mit der persönlichen Tüchtigkeit des jüo. Lehrer motivirt, die ein Gewähr für die gedeihliche Entwickelung der Schule sei; in dieser Ueberzeugung acceptirte der Gemeinderath auch einstimmig den Vorschlag und die Ober schul beh örde genehmigte die Wahl. Diese ist aber von um so größerer 35*

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