Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1870)
- Date
- 1870-08-30
- Page
- Seite 690 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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690 größten Zweifler den unwiderlcglichsten Nachweis, daß wir Juden überall in dem Lande, das wir bewohnen, unser Heimath- und Vaterland erblicken, Gut und Blut ihm weihen, selbst wenn uns auch noch manches Recht vorenthalten ist. Auch hier ist von Seiten der jüdischen Bevölkerung in jeder Beziehung Alles geschehen, was Patriotismus dem Bürger zu thun vorschreibt. Aus einem Sprengel sind viele jüdische Jünglinge mit in den Krieg gezogen, und viele auch schon vcrwundet worden. In der hiesigen Gemeinde allein sind deren vier verwundet und ein sehr vortrefflicher Jüngling ist aus dem Schlachtselde bei Wörth geblieben. Sie gestatten, daß ich diesem wackeren für das Vaterland gestorbenen Schüler in Ihrer geschätzter: Zeitung ein Denkmal setze. Ernst Goldschmidt, am :u>. October 1848 geboren, der Sohn eines unserer würdigsten Gemeindcmitgliedcr, des vor zwei Jahren verstorbenen Herr Siegmund Elias Goldschmidt, hatte sich zwar dem Kauflnannsstande gewidmet, aber zu seiner Llusbildung längere Zeit die hiesige polytechnische Schule besucht und nach deren Absolvirung die Universität Heidelberg. Seine gediegene Bildung, mit welcher er ein sanstes Gemüth und ein charaktervolles Verhalten verband, machten ihn zum Liebling der hiesigen Bevölkerung. Trotz seiner Jugend genoß er schon die Achtung seiner Mitbürger, die sich bei der Nachricht seines Todes durch die allgemeine Theilnahme auch zu erkennen gab. Unserer Gemeinoe würde der vortreffliche Jüngling wenn er am Leben geblieben wäre, durch seine Position und Bildung ein Mitglied geworden sein, aus das wir hätten stolz sein können. Es hat nicht sein sollen. Im vorigen Jahre trat er mit einem Anverwandten, dem Sohne des Arztes, der eines europäischen Rufes in der ärztlichen Welt sich erfreut, des Herrn Dr. Hilling, als. Einjähriger in das erste Husaren-Regiment und tvurde schon nackkurzer Zeit Gefreiter. Nach der Schlacht bei Weißenburg erhielt die Mutter, Frau Wilhelmine Goldschmidt, von ihm die Mittheilung, daß er im.Kampfe gewesen, und glücklich verschont geblieben sei, Gott werde nun weiter helfen! Aber diesen Brief überholte beinahe die Nachricht, daß die beiden Jünglinge auch in der Schlacht bei Wörth gekämpft und Hilling verwundet, Goldschmidt an der Seite seines Rittmeisters von einer Kugel tödtlich getroffen worden. Der Schmerz seiner durch ihre Wohlthätigkeit sehr geachteten Mutter ist unbeschreiblich, aber auch die übrige hiesige Bevölkerung gab ihr Bedauern zu erkennen, daß dieser so liebenswürdige Jüngling so früh dahin gerafft wurde. Man braucht nur eine Mutter weinen zu sehen, und man kann sich kaum enthalten, den Fluch des Himmels auf den Decembermann herabzubeschwören, der in seiner Selbstsucht vielen Tausenden von Müttern, Gattinnen und Kindern diesen herben Schmerz bereitete! Man braucht nur eine solche jüdische Mutter weinen zu sehen und man hat ein Recht mit Ihrem Eorrespondenten auszurufen: Es ist hohe Zeit, daß auch die letzte Beschränkung aus confessionellcn Gründen in Deutschland falle! Man hat ein Recht, zu hoffen oder doch als eine Forderung der Gerechtigkeit es auszusprechen, daß endlich auch im socialen Leben das Vorurtheil fallen und wie auf den Schlachtfeldern und in den Lazarethen, so auch in Gewährung der Anerkennung und Würdigung — Gleichheit, ohne confessionelle Unterscheidung, bestehen möchte. Dr. Adler. Königsberg (t. Pr.), 9. August. (Privatmitth.» Wenn auch unsere Zeit die Kriege noch nicht beseitigt hat, so bilden sie doch nur die Unterbrechungen des Friedens, während in früheren Jahrhunderten der Friede nur die immerwährenden Kriege unterbrach. Es geziemt daher unserer Zeit, die Werke des Friedens auch während des Krieges nicht außer Acht zu lassen. In hiesiger Gemeinde wurde vom Vorstande bereits vor der Zeit der Friedensstörung die Einführung einer Orgel in der Synagoge beschlossen, auch die Bauvorrichtungen dazu vorgenommen, die jetzt fast vollendet sind, obgleich die Aufstellung des längst bestellten Instruments erst zu Ostern k. I. in Aussicht genommen ist. Was die Opposition, die dagegen wie insbesondere gegen die damit vorzunehmenden Reformen auch hier nicht fehlt, beginnen wird, soll erst später zu Tage treten, wenn sie sich nicht wegen materieller Ohnmacht gar in den Sand verlaufen wird. Wie die grünen Wellen ihres Rheinstromes den Feind immer weiter von seinen Ufern schleudern, mögen die Wogen unserer Ostsee denselben weit fern von unserem Ufer halten, daß unsere friedliche Provinz von dem wilden Kriegesdonner verschont bleibe. Das walte Gott!