Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1870)
- Date
- 1870-08-30
- Page
- Seite 689 (sequence 9)
- Language
- German
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689 Aber es ist zu viel gegen uns gefrevelt worden, man hat uns zu viel mit Parteihaß begeifert, zu oft solidarisch gebrandmarkt, als daß wir unseren Gegnern die Gegenbeweise aus ihrem eigenen Munde ersparen sollten. Berlin, 18. August. (Privatmitth.) Bekanntlich hat ein hiesiger Verein im vorigen Sommer die Concession zu einer Privatschule nachgesucht, in welcher kein Religionsunterricht ertheilt werde. Das Gesuch wurde von der städtischen Schul-Deputation und vom Provinzial-Schulcollegium abgewiesen und hat nunmehr unter dem 1. Juli er. auch vom Unterrichtsminister einen abschlägigen Bescheid erhalten. Der letztere führt aus, daß nach den Gesetzen Privatschulen ganz wie die öffentlichen Volksschulen organisirt sein müssen, und daß ebenfalls nach den bestehenden Gesetzen und der Verfassung der Religionsunterricht in den öffentlichen Volksschulen ertheilt werden muß, daß also nur auf dem Wege der Gesetzgebung eine Veränderung statthaft sei. Man kann dieser Reduction, so weit sie das Volksschulwesen betrifft, Nichts anhaben. Wohl aber kann man fragen, wenn die integrirende Bedingung die Ertheilung des confessionellen Religionsunterrichtes ist, warum sie nicht einen solchen auch den jüdischen Schülern, ebenso wie den katholischen und evangelischen zu ertheilen, d. h. für die Ertheilung desselben zu sorgen habe? und warum das Unterrichtsministerium selbst da, wo die städtischen Behörden den jüdischen Religionsunterricht seitens der öffentlichen Volksschule beschließen, diesem Beschlüsse entgegentrirt? Berlin, im August. In hiesigen Blattern ist folgender Protest erschienen: Offener Brief! An den Präsidenten des Eentral-Comitös zur Pflege verwundeter und erkrankter Krieger Herrn R. v. Sydow. Mit tiefem Bedauern, ja mit Mißmuth haben die hiesigen Einwohner, welche nicht dem christlichen Glauben angehören, in diesen Zeiten heiliger Begeisterung für das große Vaterland die christliche Mildthätigkeit in den öffentlichen Aufrufen, und ebenso in Ihrem veröffentlichten Antworffchreiben an das Pariser Comitö wahrgenommen. Wir fragen nicht, welche Eonsessionsgenossen mehr oder minder zur Linderung allgemeiner Calamitätcn beitragen, das aber dürfen wir ohne Widerspruch zu fürchten offen aussprechen, wir Juden stehen mit Gut und Blut für das Vaterland nicht minder ein, wie unsere ch r i st l i ch e n M i t b r ü d e r; Niemand wird uns dies Zeugniß verweigern. Wir müssen also entschiedenen Protest dagegen einlegen, als wäre Mildthätigkeit und Menschlichkeit der Vorzug einer bestimmten Eonfession, und hoffen, daß diese Einseitigkeit endlich schwinde. Berlin, den 8. August 1870. I. Ruhemannjr., Louis Herbst, vr.Bramm. Kaufmann. Kaufmann. Herrmann Joachim, Leo Mora l, Adolph M eher, Kaufmann. Kaufmann. Kaufmann. M. Blumenfeld, I. Eisner, Kaufmann. Kaufmann. Im Aufträge Vieler! Bonn, 10. August. (Privatmitth.) Es kommen uns von mehreren Orten Berichte über die Feier des allgemeinen Bet- und Bußtages zu, sowie über die dabei gehaltenen Predigten. Wir heben z. B. die Feier zu Trier geleitet vom H. Oberrabbiner Kahn, zu Bayreuth geleitet vom H. Rabbiner Dr. Fürst hervor. Eine vortreffliche Predigt, die wir gedruckt erhalten haben, ist die des H. vr. A. M. Goldschmidt in Leipzig <bet Oskar Leiner, der Ertrag zum Besten Angehöriger einberufener Reservisten und Landwehrmänner). In geistreicher Weise werden mit dem Angriff Balaks 4 Mos. 24 die Verhältnisse des gegenwärtigen Krieges verglichen, die Motive des Anstifters dieses Brandes charakterisirt und die Einigkeit Deuffchlands gepriesen. Der Redner zeichnet auch treffend die Mitschuld, von der sich auch die Deutschen durch die Huldigung französischer Unsitten nicht freisprechen können, und sieht den jetzigen Kampf als eine Sühne und Läuterung hierfür an. Cassel, 14. August. (Privatmitth.» Ihr Eorrespondent in Nr. 32 aus Berlin hat einen Wunsch ausgesprochen, der gewiß ein berechtigter ist. „Der jüdische Enthusiasmus und Patriotismus bewährt sich auch diesmal trefflich; möge nun auch die letzte Beschränkung aus confessionellen Gründen fallen!" In der That schlägt das Verhalten unserer Glaubensgenossen jede Beschuldigung nieder und liefert, was freilich längst schon keines Beweises mehr bedurfte, dem