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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-08-30 · Heft 35 (30.8.1870) · p. Seite 685

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 35 (30.8.1870)
Date
1870-08-30
Page
Seite 685 (sequence 5)
Language
German
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685 Sohn, Verfasser einer Anzahl ehemals viel gelesener Schriften und einzig und allein der Literatur sich widmend, blieb immer für seinen Vater ein Räthsel. Während die spanisch-portugifischen Juden, die Sephardim, nach und nach ihren Einfluß auf die Börse verloren, bemächtigten sich die Aschkenasim oder deutsch-polnischen Juden, die Rothschilds und Goldsmiths, derselben. „Ihn zu behalten, war nicht unsere Bestimmung/' sagt D'Jsraeli in bescheidenem Tone, welcher wohl einen gewiffen Ehrgeiz verbergen mochte. Nachdem P. Challemeil-Lacour den Inhalt des Romans gezeichnet hat, fährt er (p. 445) fort: „Zwei Namen, deren Zusammenstellung im ersten Augenblicküberraschen mag, kommen mir unaufhörlich in den Sinn, wenn ich diese eigenthümliche Physiognomie des Staatsmannes und Schriftstellers betrachte, und, wenn ich mich nicht täusche, erleichtern sie beide zusammen ihr Verständniß. H. D'Jsraeli erinnert mich oft an Heinrich Heine. Bei Beiden befindet sich in der Thal dieselbe Lebendigkeit der Intelligenz, derselbe Scharfsinn, dieselbe Leichtigkeit, alle Gedanken zu erfasien und sich für einen Augenblick alle Doctrinen zu eigen zu machen, dasselbe Umherstreifen der Phantasie, dieselbe bizarre Mischung von Phantasie und Gedanke, von Frivolität und Tiefe. Mit scheinbarem Ernste, von dem man sich leicht täuschen läßt, aber mit einem starken Zuge von Ironie, die zu beherrschen sie sich gar nicht die Mühe geben, finden sie ein Vergnügen daran, mit allen Ueberzeugungen zu spielen, und ihre Unverschämtheit schont weder Institutionen noch Menschen. Herr D'Jsraeli lebte zufällig in einem Lande, wo gewisse Exceffe niemals geduldet worden wären, während dies H. Heine nicht zu Theil wurde. Die Strenge der öffentlichen Meinung in England legte seiner angeborenen Kühnheit einen Zügel an, sie hielt seine Liebe zum Skandal in den Grenzen des guten Geschmackes zurück. Durch sie wurde er vor den Ausschweifungen des Ausdrucks bewahrt, in welchen sich der „romantische Voltaire" gefiel. Auch lernte er nicht die moralischen Leiden, die bitteren Sorgen, die Schmerzen, die ernsten Prüfungen kennen, welche der Ironie des deutschen Dichters so viel Bitterkeit geben und ihm mitten im Ausbruche seines Gelächters so durchdringende Schmerzensrufe entreißen; aber wie geht er nichts destoweniger der englischen Gesellschaft zu Leibe, dieser Gesellschaft, die so schwer das Joch der Convenienzen trägt und welche oft mit so viel Strenge diejenigen straft, welche versuchen, es abzuschütteln! Welche Unruhe wirft er in seine Partei, welche Aufregung säet er durch den Witz seiner poffenhaften, närrischen Einfälle, dieser Champion der aristokratischen Kaste, dieser Bertheidiger der Hierarchie, dieser Bewunderer der Titel und des Reichthums! Mit welcher Nichts achtenden Hand hebt er jeden Schleier und berührt alle Institutionen, die er vorgiebt zu vertheidigen! Hier, wie bei H. Heine, kann man den unverwüstlichen Einfluß der Nace nicht verkennen. Der eine ist schließlich in die katholische Kirche eingegangen, der andere ist in der anglicanifchen geboren; aber sie bleiben Juden, und Herr D'Jsraeli seinerseits, der muthige Advocat der Juden im Hause der Gemeinen und in seinen Büchern, hat niemals seine Verwandtschaft mit ihnen verleugnet. Hätte er es übrigens versucht, so hätte ihn doch das Siegel der Race, das seinem Genie und seinem Charakter so stark ausgeprägt ist, verrathen. Trotz seines erborgten Toryismus fühlt man, wir müffen es zu seiner Ehre sagen, in der Sprache des H. D'Jsraeli eine Herzenssympathie für die Enterbten heraus, welche durchaus kein englischer und aristokratischer Zug ist, vielmehr ein Andenken an die jüdische Gleichheit und ein Gefühl, das aus der republikanischen Gesetzgebung Mosis geschöpft worden; aber noch jüdischer ist sein Cynismus, die letzte Waffe einer Race, die seit langer Zeit verfolgt und mißachtet und durch die Gewohnheit der Beleidigung gestählt worden. H. D'Jsraeli ist ebensowenig wie H. Heine frei von jener Kühnheit, die das Lächerliche nicht scheut, ja sogar Vortheil daraus zu ziehen weiß. Nichts bringt ihn außer Faffung; er stellt, man sieht es, eine vollständige Gleichgültigkeit dem Urtheil dieser Welt entgegen, der das Haus Isaaks einen Erlöser gegeben, welche es noch in seiner Erniedrigung beherrscht, und er ist weniger ihren Beleidigungen als vielmehr dem Vergnügen zugänglich, ihr all' ihre Erbärmlichkeit ins Gesicht zu werfen, den Verfall und die Knechtschaft dieser Christenheit zu schildern, „deren eine Hälfte einen Juden und die andere Hälfte eine Jüdin anbetet." Was liegt ihnen, den Abkömmlingen dieser seit vielen Jahrhunderten beraubten und unterdrückten Race, was liegt ihnen an dem Schicksal dieser Institutionen, die nicht ihr Werk sind, welche sie seit so langer Zeit nur durch die Last und die Mannigfaltigkeit der Leiden kennen lernte, mit denen sie sie überhäuften? Wenn die Juden auch heute zu der Familie gehören, gehören sie schon lange genug dazu, um ihre Bestrebungen und Sorgen zu theilen? Dieser Titel

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