Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1870)
- Date
- 1870-08-30
- Page
- Seite 684 (sequence 4)
- Language
- German
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684 licheS Weh und düstere Schatten über die 'ganze civilisirte Welt bringen würde. Gott bewahre uns und die kommenden Geschlechter hiervor! D'Jsraeli. Seit fast 34 Jahren zieht Benjamin D'Jsraeli als Staatsmann und Schriftsteller die Aufmerksamkeit Großbritanniens und der gesammten civilisirten Welt auf sich. Im Jahre 1837 in das englische Unterhaus getreten, mit seiner Jungfernrede durchgefallen, und mit Gespött überhäuft, sagte er damals: „Ich werde Ench zwingen, mich anzuhören." Er hat Wort gehalten, denn er schwang sich nicht allein zum Führer der Torys, sondern auch zum britischen Premier-Minister auf und wies die ihm angebotene Pairswürde ab, weil er der staatsmännifchen THLtigkeit nicht entsagen wollte, und wahrscheinlich noch mehrere Male auf dem Wolljacke zu präsidiren gedenkt. Als Romandichter hat er mehrmals großes Aufsehen gemacht, ohne jedoch seinen Werken jenen Stempel des Genius aufdrücken zu können, der allein die Unsterblichkeit gewährt. Man wird sich erinnern, daß er in einigen derselben es sich besonders angelegen fein ließ, den jüdischen Stamm zu verherrlichen, wobei er sich jedoch mancher sehr paradoxen Ansichten theilhaftig macht. Wir selbst haben seinen „David Alroy", wenn auch überarbeitet, dem deutschen Publicum durch das Institut z. F. d. isr. Lit. noch einmal vorgeführt. In der jüngsten Zeit hat er einen neuen politischen Roman „Lothar" herausgegeben, in welchem er besonders den Kampf der katholischen mit der anglicanischen Kirche zeichnet, doch so, daß er weder der einen noch der andern den Sieg zuschreibt. Wir hätten daher hier uns kaum mit diesem Werke zu befaßen; er hat in demselben die semitische Race verlasien, und glorificirt die arische. Der Roman hat aber im zweiten Julihefte der Revue des deux Mondes eine Beurtheilung von H. P. Challemeil-Lacour erfahren, in welcher eine Stelle unsere Beachtung verdient. Geben wir zuvörderst über die Familie D'Jsraeli's einige Andeutungen. In der Vorrede zu einer neuen Ausgabe des Werkes seines Vaters, Curiosities of literature, 1858 veröffentlicht, gibt D'Jsraeli einige intereffante Details über die Geschichte seiner Familie. Seine Vorfahren waren zuerst in Spanien wohnhaft. Sie verließen dieses Land im sechszehnten Jahrhundert, um der Inquisition Torquemada's zu entgehen, und ließen sich in Venedig nieder. Als Dankesbezeigung gegen den Gott, welcher ihre Familie durch so viele Gefahren geführt, und um das Andenken an feinen Schutz zu verewigen, vertauschten sie ihren wohltönenden Namen Villareal mit D'Jsraeli, welchen Namen, unserem Schriftsteller zufolge, keine jüdische Familie vor ihnen geführt hatte.*) In der Dogenstadt verbanden sie den Handel mit Bankgeschäften und erwarben ein glänzendes Vermögen. Im Anfang der Regierung Georgs IH. bestimmte die Sicherheit, welcher sich die Juden in England erfreuten, seitdem das Princip der Toleranz unter Cromwell zur Herrschaft gekommen, das Haupt des Hauses, seinen jüngsten Sohn nach London zu schicken, um dort eine Filiale der Venediger Bank zu gründen. Benjamin, dies war sein Name, ist der Großvater des Ex-Ministers. Er lebte seit 17 Jahren in England, als er der Anstachelung seiner Frau nachgebend, zum Protestantismus überging.**) „Meine Großmuttter," bemerkte hierüber D'Jsraeli, „welche eine ungewöhnliche Schönheit war und von einer Familie abstammte, die sehr viel von der Verfolgung gelitten hatte, besaß die bitteren Gefühle gegen ihre Race, welche die Ehrgeizigen nur zu leicht annehmen unter dem Drucke der socialen Erniedrigung, der sie durch ihre Geburt anheim fallen. Diese Gefühle, welche sie doch gegen ihre Verfolger hegen müßten, richten sich oft bei denjenigen, deren Temperament einen gewiffen Grad Empfindlichkeit hat, gegen die Verfolgten selbst, und der Zorn, welchen allein die Verblendung und die Boshaftigkeit des Gegners erregen müßten, verschont nicht das verstockte Gewiffen dessen, welcher unter ihrer Ungerechtigkeit leidet." Benjamin D'Jsraeli starb 1817. Er war geistreich, besaß feinen Geschmack und hatte nahe bei London einen Park in italienischem Stile angelegt. Er hatte zahlreiche politische und literarische Freunde. Dennoch verursachte ihm die Abneigung seines Sohnes Isaak gegen das Geschäft eine schmerzliche Enttäuschung. Dieser *) Dies ist nicht richtig, denn schon viel früher führte Samuel Israeli um 1085, richtiger 1163, und Jsaac Israeli um 1310 diesen Namen. Redact. **) D'Jsraeli berichtet gewiß die Wahrheit, aber wir wissen aus englischen Quellen, daß die äußere Veranlassung für seinen Großvater zum Uebertritt zum Christenthume folgende war: D'Jsraeli war zum Gemeindevorsteher gewählt, lehnte dieses Amt ab und sollte nun, dem Statute gemäß, einige Pfund Amende bezahlen. Redact.