Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1870)
- Date
- 1870-08-30
- Page
- Seite 683 (sequence 3)
- Language
- German
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683 wüthen und verheerend wirken könnte. Zuerst griffen jene die Franzosen an ihrer schwächsten Seite, ihrer nationalen Eitelkeit an, indem sie ihnen vorredeten, daß sie seit 1866 vor den Preußen ihr Prestige, ihre gloire verloren hätten und daß die deutsche Einheit ihre, der Franzosen, „legitime" Suprematie in Europa lahm legen würde. Alsdanu machte man dem unwisienden Volke glaubhaft, daß der Krieg von den Deutschen ausgehe, die Frankreich erobern wollten. Hierauf verbreitete man im französischen Volke die furchtbarsten Fabeln über die Wildheit, Grausamkeit, Mord- und Raubsucht der Deutschen und fanatisirte das elfäfsische Landvolk zuGräuelthaten selbst gegen die Verwundeten; während sie doch zum Hohne der Civilisation die Turcos und Spahis gegen die Deutschen losließen. Endlich verjagt man die in Frankreich ansässigen Deutschen zu vielen Tausenden, nachdem man das Volk gegen sie so aufgehetzt, daß die Deutschen froh sein muffen, mit heiler Haut, mit Hinterlaffung des größten Theils ihrer Habe hinauszukommen. So haben die Acte der Uncultur, wiedererwachender Barbarei bereits begonnen und die Flamme des Nationalhaffes ist angeschürt! Haben die Deutschen hierzu Veranlaffung gegeben? So weit wir unparteiisch in die Geschichte zurückblicken, gewiß nicht. Waren es nicht die Franzosen, die 1556 Metz, Toul und Verdun in Besitz nahmen? die Elsaß und Lothringen von Deutschland losriffen? die unter Napoleon dem Ersten so viele deutsche Länder sich aneigneten und in Deutschland einen unerhörten Druck ausübten, bis die deutsche Nation sich gegen sie erhob? Dennoch war der Haß bei den Deutschen schnell verschwunden: die Bezeichnung „Erbfeind" kam aus der Mode; die „Franzosenfrefferei" Einzelner wurde geradezu als lächerlich angesehen. Im Gegentheil, die Deutschen haben zu aller Zeit viel zu viel Vorliebe für Franzosen und ftanzösisches Wesen gehabt, waren viel zu sehr geneigt, sich vor dem Geschmack und der Sitte der Franzosen zu beugen, deren Sprache und Literatur zu verherrlichen, so daß immer wieder heldenmüthige Männer erstehen mußten, die wie Lessing den Kampf gegen diese nationale Entartung aufnahmen. Um so mehr muffen alle Kräfte angewendet werden, um diesem Ausbruche eines Nationalhaffes entgegen zu treten. Möchten sich Alle, die jetzt ihn anzufachen bestrebt sind, zum Bewußtsein bringen, welche furchtbare Folgen ein solcher jetzt und lange Zeiten hindurch haben müßte! Mögen sie vor dieser Verantwortlichkeit zurückschrecken, um so mehr da sie so viele Schuld schon auf sich geladen! Noch ist es Zeit. Die Waffen haben bereits so viel entschieden, daß die Besiegten sich darein ergeben müffen. Je eher der Friede kommt, desto leichter können sie sich wieder erheben. Je stärker die Flamme der Wuth angefacht wird, desto schwerer werden ihre Verluste, desto unheilbarer ihre Wunden sein. Noch tiefer aber die Wunden, die sie der Civilisation und Humanität schlagen. Sie gehen der Cultur am ehesten verlustig. Schon jetzt könnte das Vorgehen der Franzosen zu der Meinung veranlassen, daß die echte Civilisation bei ihnen bereits zu bloßem Firniß geworden. Wie? Noch sind kaum drei Jahre verfloffen, als Paris die Erzeugnisse der ganzen Welt und die Mitglieder aller Stationen in seiner Mitte versammelt und hierin alle Welt mit ihm eine Verbrüderung der Nationen, einen Act der Bölkerverwandtschaft sah — und jetzt treibt man ohne Bedenken, ohne Untersuchung, und also ohne alle Veranlaffung, nur aus Aerger und Haß zahllose friedliche Menschen 'hinweg, die im Vertrauen auf französische Gesetzlichkeit ihr Leben, ihre Kräfte, ihre Habe Frankreich widmeten, im Vertrauen auf Völkerrecht, Humanität und Civilisation hier eine neue Heimath gesucht! Man frägt nicht, wer ist schuldig? wer hat uns geschädigt? man jagt Alle hinaus in Noch, Armuth und Elend! Fürwahr, hierdurch verwirkt Frankreich seinen Ruhm mehr, als durch den Verlust von Schlachten, als durch die größte "Niederlage! Wir lieben Deutschland mit ganzem Herzen; wir fühlen unser Wesen mit Deutschland verwachsen; es giebt keine Opfer, die wir ihm nicht zu bringen vermöchten. Aber dies hindert uns nicht, auch für Frankreich Achtung und Zuneigung zu empfinden. Denn über alle einzelnen Handlungen hinaus war die französische Station auch ein mächtiger Factor für die Entwickelung des Geistes, für die Civilisation und Humanität in der Menschheit, und mehrmals hat sie eine glückliche Initiative für Recht und Wahrheit ergriffen. Gerade der Deutsche liebt es, jedes Verdienst zu würdigen, und wir Juden werden es niemals verkennen, daß wir Frankreich zu großem Danke verpflichtet sind. Je mehr daher unsre Herzen bei den Siegen unserer deutschen Waffen sind, desto mehr bedauern wir, daß die Franzosen es dahin gebracht, und desto mehr erschrecken wir davor, dieses Culturvolk sich in einen "Nationalhaß hineindrängen zu sehen, der zuletzt auch in den Deutschen sich entzünden muß, und so sür die Zukunft unermeß- 35*