Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1870)
- Date
- 1870-08-30
- Page
- Seite 682 (sequence 2)
- Language
- German
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682 Es war zuerst der Glaubenshaß, denn das Christenthum rief ihn hervor, weil die Bekenner des Mosaismus sich ihm nicht anschließen wollten, weil sie es nicht konnten. Dieser Glaubenshaß schied die Juden gewaltsam aus dem ganzen bürgerlichen Leben aus, bestärkte sie hierdurch in ihrer, sie absondernden Erscheinung in Sitte und Brauch, und verursachte so einen Völkerhaß, der in einer furchtbaren Ergänzung den Glaubenshaß ersetzte, wo er schwinden wollte, ausfüllte, wo er noch Lücken zeigte. Soweit wir die Blätter der Geschichte durchforschen können, zeigt diese, daß die Juden an sich außer den gegebenen, zum großen Theile ihnen aufgedrängten Verhältnissen, keine Veranlaffung zu diesem Haste gaben und keine Vergeltung übten. Hie und da ein bitteres Wort der Klage, ein leidenschaftliches Gebet, eine schroff ausgedrückte Satzung, die sämmtlich keine Bedeutung für das Leben hatten, geben schwache Zeugniste, daß in den Herzen der Juden ein Resonanzboden für diesen Sturm von Haß und Verfolgung vorhanden war. Das waren schwache Klänge, die unter dem Brüllen jenes Orcans kaum vernehmbar wurden. Thatsachen, bestimmte Handlungen und Vorgänge vermochten selbst unsere schlimmsten Gegner nicht gegen die Juden anzuführen, und um den Polkshaß immer wieder anzufachen, mußten sie zu jenen Erdichtungen greifen, welche ebenso widersinnig wie falsch waren. Trotzdem vererbte er sich von Geschlecht zu Geschlecht, und wir wisten alle, daß er noch heute nicht ausgestorben, daß er noch heute nur von einer leichten Erdrinde bedeckt ist. Wer muß also das Entstehen irgend eines Nationalhasses mit größerem Entsetzen, mit entschiedenerer Verurtheilung wecken sehen, als wir? Und gerade die h. Schrift Israels hat das Verdienst dem Bölkerhaffe energisch entgegen getreten zu sein, und zu einer Zeit, wo in der gesammten Menschenwelt noch keine Ahnung davon war und noch lange nicht sein sollte, die Dölkerliebe als Princip und Gesetz proclamirt zu haben. Sie schrieb nicht allein im Allgemeinen vor: „Liebe den Fremdling wie dich selbst" und fügt, um keinen Zweifel zu lasten, wen sie unter Fremdling verstehe, hinzu: „Denn du selbst warst Fremdling in Aegypten, und darum gebiete ich dir, solches zu thun" — sondern sie befiehlt auch ganz speciell: „Verabscheue nicht den Edomi, denn er ist dein Bruder; verabscheue nicht den Mizri, denn Fremdling warst du in seinem Lande" (5 Mos. 23, 8.) — und doch hatte Edom Israel den erbetenen friedlichen Durchzug versagt und war ihm mit den Waffen entgegen getreten, und was der Mizri den Israeliten gethan, weiß Jedermann. Nennt doch auch der Prophet im Namen Gottes Mizraim dessen „Sohn", also den Bruder Israels. An Amalek aber stellt jene, welche überall neben dem Ideal die Wirklichkeit, sei sie noch so rauh und abstoßend, schildert, ein warnendes Bild auf, wohin die immer wiederholte Bethätigung des Nativnalhasses führt. Was ist es nun, oas wirksam den Bölkerhaß zu entwaffnen, ihn nach und nach abzuschwächen und endlich auszurotren vermag? Es ist die Humanität, die echte Civilisation. Die Religion selbst kann es leider nicht, denn was sie auch lehren mag, es kommt auf das Berständniß und die Auffassung der Völker an, und sie selbst wurde in den Händen dieser allzu oft in Haß und Verfolgung verwandelt und zum Mittel der wüstesten Leidenschaften mißbraucht. Erst die Civilisation muß kommen und die Religion auf deren ursprüngliche Höhe empor heben. Die Civilisation, und die in ihr liegende Humanität gleicht die feindlichen Gefühle der Nationen aus, bringt die letzteren auf geistigem und materiellem Gebiete in tausendfältige Berührung und zum Austausch ihrer Erzeugnisse — verschränkt ihre Interessen und verbrüdert so allmählich die, welche durch Jahrhunderte hindurch Haß und Kämpfe getrennt hatten. Ein Beispiel hiervon geben uns England und Frankreich. Wie weit klaffte die Zwietracht zwischen diesen Nationen vom Mittelalter bis 1815, und doch hat ein halbes Jahrhundert der Civilisation hingereicht, um jene völlig zu verwischen. Und wem verdanken wir Juden ein besseres Loos, wenn nicht der zur Herrschaft gekommenen Humanität? Wie sehr müssen wir daher erschrecken, wenn wir in dem so unerwartet ausgebrochenen Kriege zwischen Frankreich und Deutschland ebenso unerwartet die Flamme eines Nationalhasses zwischen diesen beiden größten Culturvölkern, den bedeutendsten Trägern der Civilisation, anzünden und anfachen sehen! Daß Krieg und Nationalhaß nicht identisch zu sein brauchen, weiß Jedermann; sie brauchen es am wenigsten in diesem Kriege, der, das ist überklar, vom französischen Kaiser lediglich aus dynastischem Interesse herbeigeführt worden und welchem nach seiner Beendigung ein friedliches Verständniß der beiden 'Nationen wieder folgen könnte. Aber die Machthaber und Wortführer Frankreichs thun alles Mögliche, um einen Nationalkrieg daraus zu machen und einen Bolkshaß zu entzünden, der auf lange Zeiten