Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1870)
- Date
- 1870-08-23
- Page
- Seite 678 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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678 Glück zurückzuführen, und dann selbst wird die Wuth der Verzweiflung meinen Arm stahlen und ich hole zu zermalmendem Schlage aus, es zittere der Feind!... Und so rollen die Donner weiter, und die Tausende werden gemäht von der Sense des Todes, wie die Halme vom Schnitter, und die Verwüstung schreitet über mehr Länder, mehr Städte, mehr Dörfer! Was Jahrzehenve gebaut, Tagzehende legen es in Trümmer, Stunden vernichten, was ein ganzes Geschlecht geschaffen!... Und ist es dies allein? O Gott, immer heftiger entbrennt die Wuth in den Kämpfenden. Elende verüben einen Frevel, und der Ruf der Rache, der Wiedervergeltung ertönt von tausend Stimmen. Und der Ruf tönt von hüben und klingt zurück von drüben, und wird zu grauser That, und diese wird siebenfach gerochen, und sieben und siebenzigfach.... Der du die Herzen der Menschen lenkest wie Bäche, und die Strömung der Geister bestimmst zu ihren Zielen — mildre ihren Sinn, laß die Leidenschaft schwächer und schwächer werden, fache das Verlangen nach Frieden in den Kämpfenden an, daß der Sieger das Schwert senkt zur rechten Zeit, und der Besiegte sich beugt mit Verstand und Bedacht; und das Gefühl der Menschlichkeit wecke in den Streitenden mitten im Streite, und das Bewußtsein, daß sie nicht aufhören Brüder zu sein, und daß der Kampf ist der Völker, aber nicht der Einzelnen, der Haß lebt zwischen den Nationen, nicht zwischen Mann und Mann. Wenn das Schwert entschieden, mögen die Hände sich begegnen zu gegenseitiger Hülse, dem Sterbenden sein Sterben, dem Verwundeten seine Schmerzen zu erleichtern, der Starke stütze den Schwachen und dem Hungernden werde Brod, ob Freund oder Feind!... O, es ist gewiß, in Deinem Erdenkind, Herr, ist das Böse gewaltig, aber auch das Gute; wo der Haß erscheint, zeigt sich die Liebe auch; Zeiten des Sturmes offenbaren Großes, in Bosheit und Grausamkeit, aber auch in Edelmuth und Aufopferung — o laß das Letztere überwiegen, laß die Liebe, die strahlende, die finsteren Geister überwinden, daß unsere Zeit nicht zurückfällt in die wüste Barbarei der Vergangenhett, daß sie sich bewähre als ein Jahrhundert der Humanität, das zwar den blutigen Kampf der Völker noch zuläßt, aber ihn schnell beendet, seine Schrecken mildert, seine Wuth sänftigt, die Seelen erhebt und nicht verwildern läßt! Nicht Nacht, Herr, nur Dämmerung, Morgen, und bald Tag, Vater des Lichtes! Amen. Die Juden im altdeutschen Fastnachtspiel. Adolf Mannheimer, sind, phil. in Heidelberg. Wenn wir das Leben eines Volkes bis in sein innerstes Getriebe kennen lernen wollen, so müffen wir insbesondere die Producte der Volkspoesie aufsuchen, die in ungekünstelter Weise die Anschauung und Sitten einer Nation kund giebt. Und dieselbe ist auch eine reiche, leider meist ganz unberücksichtigte Quelle für die Kenntniß der Geschichte Israels. So z. B. finden wir in der altdeutschen Literatur eine Gattung der Volkspoesie, die Fastnachtspiele, welche, indem sie die herrschende Denkungsart des Volkes selbst treu darstellen, uns wichtige Auffchlüffe über das Berhältniß bieten, in dem damals Juden und Christen zu einander standen, namentlich aber zeigen sie uns, wie im Mittelalter durch Schuld der Gelehrten nur die Schattenseiten des Judenthums, seine Voruriheile und Ausgeburten, nicht aber sein guter Kern bekannt waren. Wenn ein Hugo Grotius*) glauben konnte, die Juden dürsteten nach dem Blute der Christenkinder, wozu mußte dann der aufgeregte Pöbel greisen, der keinen Blick in die wahre Sachlage hatte? Bedenkt man, welchen gewaltigen Einfluß die Fastnachtsspiele hatten, die vor allem Volk auf Plätzen und Märkten von gewöhnlichen Bürgern gespielt und deren Stoff durch diesen Umstand weithin verbreitet wurde, so muß man sich noch wundern, daß an den Tagen der Aufführung solcher Stücke die Juden nicht völlig ausgerottet wurden. In der Sammlung altdeutscher Fastnachtspiele, die der um die deutsche Literatur hochverdiente Prof. Keller herausgegeben hat (Bibliothek des literarischen Vereins zu Stuttgart, Band 23—30), finden wir mehrere Stücke, in denen Juden die Hauptrollen spielen und die zugleich beweisen, daß die jüdische Literatur auch in weiteren, christlichen Kreisen bekannt war. Das eine Stück ist verfaßt von Hans Folz, Barbier zu Nürnberg, welcher eine Unzahl von Fastnachtspielen gegen das Ende des 15. Jahrhunderts verfaßt hat. Das Stück, um das es sich hier handelt, hat zur Ueberschrift: Ein Vastnachtspiel, die alt und neu Ee, die Sinagog und die Kirche, von Ueberwindung der Juden in ir Talmut. Die alte und neue Ehe ist nach dem Sprachgebrauchs der Bibel die jüdische und christliche Religion. Das Stück behandelt einen dogmatischen Stteit zwischen Juden und Christen, und ich gebe nachstehend eine Analyse deffelben, indem ich bei schwierigeren Partien eine Uebersetzung des Textes liefern werde. Nachdem „der erst pauer" Ruhe geboten und der zweite dieser Aufforderung durch gerade nicht sehr anständige Drohungen mehr Nachdruck verliehen hat, tritt ein Hofmeister auf und verkündet, daß „das alt Gesetz und auch das neu sich einander hie funden haben" und gegenseitig Rede stehen wollen. Er klagt über das „schentlich Puch Talmut und Rabina Rabinasche" und entwickelt eine merkwürdige Kenntniß der jüdischen Literatur bei Aufzählung der Bücher, in die der Talmud eingetheilt wird: *) Hugo Grotius, Epistolae, pars I, 69.