Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1870)
- Date
- 1870-08-23
- Page
- Seite 672 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226779--28670-3302518- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
672 lacha, welche nicht blos die Defensive, sondern auch die Offensive am Sabbath gestattet. Um 30 nach der gew. Zeitr. ist sie jedoch im Volke noch nicht anerkannt, und erst 6 6 nach der gew. Zeitr. wird sie in Ausübung gebracht. Allerdings hatte die Halacha wohl schon nach dem Beschlüsse durch Mattathias ihren Ursprung gefunden, Schammal aber hatte das Verdienst, sie durch die scharfsinnige Anlehnung an 5 Mos. 20, 20. ynm-i zu begründen, wozu dann die Berechnung des Pracedenzfalles sich gesellte. Wir haben hier also eine Halacha, welche aus den Bedingungen des wirklichen Lebens entstand, und eine bereits ferttge Sitte sanctionirte. Das Leben war der Theorie vvrangegangen, diese aber zögerte nicht, hinwegzuraumen, was das Leben noch schwankend und voll Scrupel gelaffen hatte.*) *) Bgl. noch Duschak, Flav. Josephus und die Tradition. Wien, 1864. S. 19 ff. Ieitvugsnachrichte«. Deutschland. Berlin, 10. August. Unsere Leser wissen wohl, welche Antipathien gegen unsere Glaubensgenossen noch in der höheren preußischen Aristokratie vorhanden sind, und erinnern sich, wie diese sich nicht entblödet z. B. im Herrenhause chren Hohn auszusprechen und von „Juden, Postschreibern und Kramern" zu sprechen. Das patriotische Verhalten derselben wird von der „Berliner Börsenzeitung" in folgendem Artikel gegeißelt, den wir zu gelegentlicher Erinnerung hier wiedergeben wollen: Inmitten der Opferbereitschaft, welche sich allenthalben in Deutschland für das uns obliegende schwere Werk bekundet, ist es eine beftemdende Erscheinung, daß im Gegensätze zu dem nach Kräften seine Gaben darbringenden bürgerlichen Stande die preußische hohe Aristokraüe mit ihren großen Reichthümern sich sehr zurückhaltend, ja größtentheils mit ganz zugeknöpften Taschen zeigt. Die nennenswerthen Gaben des hohen Adels, welche wir bisher in den Listen verzeichnet finden, lassen sich an den Fingern aufzählen, und es sind auch selbst diese wenigen nicht nennenswerth, wenn man die Verhältnisse in Betracht zieht und Vergleiche anstellt. Wenn z. B. der Fürst Pleß, einer der reichsten Männer in ganz Preußen, einen Beittag von 1000 Thalern gibt, so ist das einmal für den Besitzer eines Vermögens, das vielleicht eine Million Revenuen abwirft, sodann aber auch im Vergleiche mit hiesigen Geschäftsleuten, die viel weniger besitzen und doch den zehnfachen Betrag gezeichnet haben, sehr geringfügig. Die großen Prediger unseres Herrenhauses, welche die gröbsten Ansprüche ihrer Engherzigkeit mit dem Unmaße ihres Pattiotismus zu versüßen gewohnt sind, halten ihre Gelder in der sicheren Truhe. Diese Herren, welche gewohnt sind, von Geldjuden und Börsenschwindlern zu sprechen, sollten sich nur an den hochmüthig und verständnißlos geschmähten Börsenleuten heute ein Muster nehmen und sich nicht dem Vorwürfe aussetzen, daß die Letzteren mit der That, sie selbst aber, die Generalpächter aller Loyalität — nur mir Worten, außerdem Worten, die ihrem eigenen Vortheile und Parteiinteresse zu dienen pflegen — die Sache des Landes führen. In ftüheren Zeiten, als der Adel das Hauptelement für den bewaffneten Schutz des Landes abgab, mochte es sich vertteten lassen, daß der Bürger willig sein Gut hingab, wo der Adel schon mit seinem Blut einttat. Heute ist die Sachlage nicht allein insofern eine andere, als das Bürgerchmn in ganz gleichem Maße seine Söhne ins Feld stellt, wie die Aristottatie, sondern die Wagschale senkt sich noch aus verschiedenen Gesichtspuntten zum materiellen Vorcheile der Letzteren. Erstens hat der Adel seine Söhne meist als Officiere in der Friedensarmee; die glücklich aus dem Kriege hervorgehenden erhalten bedeutende Beförderung, die Wittwen der Gefallenen werden pensionirt. Die Bürgerssöhne, deren Geschäfte zu Grunde gehen, während sie im Felde stehen, müssen im besten Falle nach der Heimkehr von vorn anfangen, um sich und ihre Familie zu ernähren; sind sie als Krüppel dies nicht im Stande, so erhalten sie eine dürftige Unterstützung. Und ttotzdem ist Jeder freudig zur Fahne geeilt, weil die Ehre und Freiheit des Landes ruft und vor diesem Rufe jede andere Stimme, auch die dringendste und das Herz gewaltsamst ergreifende, versMmmen muß. Mit dieser Opferwilligkeit hält die Aristottatie nicht Schritt; möglich, daß sie sich deßhalb am Altäre des Vaterlandes karg zeigt, weil sie sich in die fixe Idee verrannt hat, der Feldruf müsse Preußen, nicht Deutschland laMen. Aber dann