Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1870)
- Date
- 1870-08-23
- Page
- Seite 667 (sequence 3)
- Language
- German
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667 Nationalität, durch Losreißen eines Theils einer Nation von dem anderen stattfinden dürfe. Hierzu endlich noch ein drittes, das wichtigste Princip. Je inniger die Jntereffen der großen civilisirten Bölkerfamilie miteinander verwuchsen, je mehr der geistige und materielle Austausch zwischen den Völkern wuchs, je mehr selbst die finanziellen Besitztümer des einen Volkes in den Unternehmungen und Arbeiten der anderen Völker angelegt wurden, je mehr deshalb das Wohl eines jeden Volkes von den Zustanden der anderen abhängig geworden, desto weniger konnte jener Grundsatz der Nichteinmischung, der bezüglich der inneren Verhältnisse eines jeden Staates völlig gerechtfertigt war, in starrer Consequen; auf die äußeren Verhältnisse der Staaten unter einander übertragen werden. Die Vorgänge zwischen zweien oder dreien Staaten haben hier eine so entschiedene Wirkung auf alle Staaten und die Erhaltung des Rechts ist so sehr das Bedürfniß aller Völker geworden, daß ein Abschließen eines Staates auf sich selbst ebenso widerrechtlich wie thöricht ist. Hier mußte demnach der Grundsatz, die sich erhebenden Schwierigkeiten zwischen einzelnen Staaten durch eine Vermittelung aller anderen zu beseitigen, zu Tage treten. Wir brauchen nicht erst anzuführen, wie diese Tendenz bereits allgemein ist, wie ihr auch schon öfter Genüge geschehen, zuletzt z. B. in der luxemburger Affaire durch die Londoner Conferenz. Man sieht leicht ein, daß die beiden zuerst angeführten Principien ohne dieses dritte stets in der Luft schweben werden; man sieht aber auch ein, daß dieses dritte so gefaßt, noch wenig Kraft besitzt, sondern vielmehr dahin gelangen müsse, daß jede Streitfrage vor das Forum der vereinigten civilisirten Staaten kommen müsse und daß jeder, der sich ihrem Ausspruche nicht unterwürfe, mit vereinigten Kräften bekämpft werde. Freilich, das wissen auch wir, hat das Princip factisch noch einen weiten Weg zurückzulegen, um bis zu dieser Höhe zu gelangen. Allein trotzdem bat es bereits im Bewußtsein der Völker Wurzel geschlagen, und gerade die materiellen Verhältnisse sind dazu angethan, es in seinem Wachsthum zu fordern. Man sagt jetzt allgemein, daß England durch eine energische Erklärung seiner Theilnahme den gegenwärtigen Krieg hätte verhindern können. Man sagte dies ebenso allgemein 1866 von Frankreich. Man verurtheilt daher die engherzige Nichteinmischungs-Theorie Englands und traute 1866 dem französischen Kaiser egoistische Hintergedanken zu. Man hatte beide Male Recht. Jedenfalls liegt aber hierin das Geständniß, daß durch ein kräftiges Dazwischentreten jeder Krieg vermieden werden könne, und daß das Recht dies erfordere. Die Ueberzeugunz ist zugleich die allgemeine: das Recht ist zugleich das höchste und wahrhaftigste Interesse, der dauernde Vortheil und Nutzen. Diese drei Principien sind also allgemein als die Grundlage des internationalen Rechtes anerkannt, und von ihnen ist die Zukunft der Menschheit abhängig. Hier ist es nun, wo jene Enthüllungen mit einem Male zeigten: das Princip der bloßen Gewalt, der brutalen Beseitigung aller internationalen Rechtsverhältnisse durch die Gewalt ist noch nicht vorüber! Während seiner bisherigen Regierung hat der französische Casar zwar wiederholt jene Grundsätze mit großer Salbung ausgesprochen; war er doch selbst mehrere Male mit dem Vorschläge eines europäischen Congresses, der alle obschwebenden Fragen entscheiden sollte, hervorgetreten. Nichts desto weniger hatten einzelne seiner Handlungen das gerade Gegentheil erwiesen. Er hat sich in die inneren Angelegenheiten Italiens wie Mexikos eingemischt; er hat sich Savoyen und Nizza, also fremde Nationalitäten genommen. Allein diese einzelnen Acte waren als vorübergehende Erscheinungen, wenn auch mißfällig geduldet. Auch das Selbstbestimmungsrecht der Völker erkannte er an, machte es aber durch sein LnKraxe universel zur Täuschung. Man konnte ihm also Vieles zutrauen. Dennoch aber wurde man überrascht durch die volle Offenbarung seiner nackten Gewaltspläne, seiner beabsichtigten Zurückführung des rohesten Machtprincips. Er wollte seine Heere mit denen einer anderen großen Militairmacht verbinden, um Europa gegenüber den Gebieter zu spielen und über die Länder und Völker nach Belieben zu verfügen. Dieser Plan mußte in ihm zu einer Leidenschaft geworden sein, weil er sonst nicht in unklugster Weise ihn bei einer anderen Macht, veren Interesse das volle Gegentheil erforderte, so blos gelegt hatte. Immerhin würde dies jedoch weniger zu bedeuten haben, wenn er nicht offenbar die französische Nation dabei hinter sich hätte. Man weiß nur zu gut, daß die Ausführung eines solchen Planes für Louis Napoleon doch eigentlich nicht Zweck, sondern nur Mittel wäre, nämlich um sich und seine Dynastie auf dem französischen Throne zu erhalten. Jene rechtswidrigen Eroberungen müssen also der Natur der französischen Nation entsprechen, oder doch der in ihr noch heute lebendigen Tendenz und Anschauung. Erwiesen ist dies auch durch die fast allgemeine 34*