Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1870)
- Date
- 1870-08-16
- Page
- Seite 658 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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658 den Priestern gehörte. Der Rebbe steht auf, und über seinen Teller fallen die chassidischen Priester her; mit bloßen Händen rafft ein Jeder auf, was er kann, denn wer wollte nicht von der geweihten Speise etwas in sich aufnehmen! Es hilft für gar viele Falle. Seht ihr den Besessenen dort, wie er tobt und rast? Die ungläubigen Aerzte mögen immerhin, um Geld zu erpressen, behaupten, das sei eine Geisteskrankheit; glaubt ihnen nicht, der Unglückliche hat einen „Dibbuk" in sich. Ein Dibbuk ist ein böser Geist, und den kann nur der Rebbe austreiben. Glaubt mirs, in jenen Kreisen herrscht der böse Geist, und der Rebbe, der ihn durch Exorcismus zu bannen unternimmt, weiß es am besten. Ich kenne sogar einen Fall, wo der böse Geist einen Bräutigam in einen Ochsen verwandelte, und wär's nicht glücklicherweise an einem Freitagabend gewesen, wer weiß, ob er nicht geschlachtet und verspeist worden wäre. An einem Freitag Nachmittag (die meisten Trauungen in Polen sind, wenigstens in jenen Kreisen, am Freitagwar das junge Paar getraut worden, und Abends waren die Gäste in fröhlicher Laune beisammen. Plötzlich war der Bräutigam verschwunden — mit Zurücklassung der Braut. Bekanntlich sind die bösen Geister gewaltig hinter den Bräutigamen her. Ein bösartiger Spötter würde vielleicht sagen, die neidischen Gefährtinnen seien die bösen Geister, welche der erwählten Braut ihr Glück mißgönnen. Die Hochzeitsgäste aber wiffen's besser. Sie gehen aus, den Bräutigam zu suchen und finden — einen Ochsen in der Straße. Der Ochse brüllr gewaltig beim Herannahen der lärmenden Menge. Ein Beweis mehr, wenn es noch eines solchen bedürfte, daß der Ochse kein Anderer, als der verwunschene Bräutigam ist, der sich nach Erlösung sehnt. Man prügelt ihn, um den bösen Geist ihm auszutreiben und dem jungen Manne wieder zu seiner menschlichen Existenz zu verhelfen. Der Ochse schlägt um sich — wollt ihr noch klarere Beweise von der Existenz des Dibbuk? Ja sogar, er reißt sich los und rennt wie ein Rasender davon. Unglücklicher Bräutigam! Am Ende stürzt die ganze Dreieinigkeit, Ochs, Dibbuk und Bräutigam, in den nahen Fluß. Was ist zu thun? Man weckt den Rebben. „Er-soll-leben" befiehlt, trotz des Sabbats, mit Laternen auszugehen, um an den steilen Flußufern den Ochsen aufzusuchen. Die Aufregung steigert sich in dem Städtchen beim Anblick des eigenthümlichen Fackelzuges und dem Toben der Verzweifelten. Endlich blickt ein halber Epikoros in seiner Nachtkappe zum Fenster und erfährt auf seine Anfrage die Ursache des Lärms. „Wart ihr denn auch schon", frägt er weiter, „in seinem frühern Logis, um nachzusehen, ob er vielleicht da sei?" Der dumme Rationalist, der sich von der Identität des Bräutigams und des Ochsen nicht überzeugen lassen will, wird verlacht — es geschieht ihm recht. Doch der Lärm wird ihm zu arg, und er zieht mit einigen Muthigen in des Verwunschenen Junggesellenwohnung, und welch ein Wunder! Der junge Mann war von seinem Gefängniß befreit und schlummerte, als ob nichts vorgesallen wäre, sanft auf seinem Junggefellenlager. Die Austreibung des Dibbuk war offenbar gelungen. Zwar meinte der Spötter, der die Braut kannte, der junge Mann wäre gar kein Ochse, da er ihren Armen sich entzog; die Chassidim aber wiffen's, „Er-soll-leben" hat den Dibbuk besiegt und den Zauberbann gelöst. Ich konnte dir lieber Leser noch viel, zu viel Trauriges von diesen unseren verblendeten Brüdern erzählen, aber es schmerzt, wenn man in's eigene Fleisch schneidet und jene Berblendeten sind doch immer unser Fleisch und, was noch mehr, sie sind bei aller Verirrung mit vieler und reicher Begabung ausgestattet und werden einst, wenn die Cultur ihr Werk an ihnen vollzogen haben wird, verjüngend auf ihre Bruderstämme einwirken. *) Merkwürdig, der Chassidismus ist zu gleicher Zeit mit der Mendelssohn'schen Berjüngungsperiode entstanden! In Deutschland wie in Polen wollte man von der Verknöcherung des Formenwesens sich frei machen, in welche das Judenthum durch die Jahrhunderte langen Leiden gerathen war. In Deutschland wählte man hierzu den Geist, in Polen den Spiritus. In Deutschland strebte man, das Judenthum durch Bildung zu beleben; in Polen, wo dieser Belebungsstoss nicht vorhanden war, suchte man den die trockenen Gebeine zum Leben rufenden Geist im eigenen Schooße, in der Durchdringung des religiösen Formenwesens mit warmen Gefühlen, und man erwählte bei der Kälte des intellectuellen Klimas, den erwärmenden Sinnengenuß und den dem Gemüthe Nahrung gebenden Wunderglauben. Daher hat der Chassidismus auch zuerst Cultusreformen eingesührt. Die Piutim hat er früher als irgend eine deutsche Gemeinde aus feinem eigens geschaffenen Gebetbuche verbannt, die Zahl der Gebete *) Diese Besprechungen hören wir nun persönlich bereits 50 Jahre, und haben - noch nichts davon erfüllt gesehen! Redaet.