Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1870)
- Date
- 1870-08-16
- Page
- Seite 657 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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657 so dürft ihr eures Lebens beim Esten und mehr noch beim Trinken ftoh werden. Denn Freude will Gott der Herr. „Dienet dem Herrn in Freude", heißt es. Kannst du deine Gedanken zum Gebete nicht sammeln am Morgen, ehe du zu deinem Tagewerk schreitest, ei, so laß das Tagewerk und versuche es mit dem geistigen Getränke, ob es dich nicht entflammen wird. Ein Pfeifchen dazu rauchen, kann die Andacht nur fördern. Ist die Entflammung (mnnbrin) endlich ein getreten, gleichviel ob's um 11 Uhr Vormittags oder um 1 Uhr Nachmittags ist, so ruf dir neun gleich dir Entstammte in's „Stübel"' zusammen und verrichte dein Morgengebet. Schlag die Hände zusammen recht laut, daß man's weithin höre, patsche mit der flachen Hand an die Wand oder an das Thürschloß vor dir, daß es knalle, rufe laut zu deinem Gott, hüpfe zu ihm empor, schreie, jauchze, jubele, daß sich deine Begeisterung steigere. Doch — halt einen Augenblick ein, rück ein wenig von der Stelle, an der du stehst; du stehst vor einem Schrank, aus welchem dein minder glücklicher, vergebens nach Andacht ringender Bruder seine Flasche der Begeisterung, Okowit (agua vitae) genannt, hervorholen will. So, nun klatsche und lärme weiter. Beeilet euch, betende Brüder, kürzet euer Gebet, denn draußen füllen sich die Straßen schon mit Menschen, mit Begeisterungslustigen, die theils zu Fuß, theils zu Wagen zum Stadtthore hinaus sich drängen. Was geht vor? Was rennt das Volk, was walzt sich dort — so würde man fragen, wäre in dieser Gesellschaft Schiller zu citiren erlaubt. Reb Itsche Meier zieht zu den nahenoen Feiertagen nach seiner Festresidenz, nach Gora Kalwaria. Wer sollte da nicht mitziehen? Wer sollte nicht sich beseligen kaffen durch einen, und wär's auch nur durch die Fensterluke gestohlenen Blick des Heiligen an dem Orte seiner Heiligkeit? Verlasien soll der Mann sein Weib und seine Kinder, versetzen seine silbernen Löffel und Sabbatleuchter, auch wohl des Weibes seidenes Festtagskleid, um über die heiligen Feiertage in Gora leben zu können. Die Wallfahrtstage sind Gora's beste Geschäftszeiten, und — die böse Welt sagt's — Reb Itsche Meier's Schwiegersohn liefert den einzigen im Lande patentirten koschern Ungarwein. Die Landstraßen sind dicht besetzt von Fahrzeugen aller Art, Warschau hat kaum noch die für seinen Eisenbahnverkehr nöthige Droschkenzahl zuruckbehalten, die Gutsbesitzer und Landwirthe, die von oder zur Stadt wollen, müffen anhalten und Stunden lang warten, bis der tolle, will sagen begeisterte Zug vorüber ist. Welch ein Jubelgeschrei unter den festgepackten Menschen auf den Wägen, welch eine Gluth der Begeisterung bei dem Spiritus sanetus und der glühenden Pfeife, bei kläglich verrenkten Psalmen und melancholisch jauchzenden, weinend lachenden Melodieen — welch ein Durcheinander! Das sind Orgien, die die Religion geweiht. Und daheim sitzen die verlaffenen Weiber, die Frucht ihrer schweren Geschäftsarbeit ist mit ihren Männern nach Gora gewandert. In Gora aber geht's lustig zu, die Nähe der Schechina scheint auf den Appetit und besonders auf den Durst anregend zu wirken. Wenn du aber heimkommst, heiliger Bruder, und mit dir die Noch einkehrt in dein Haus? Was schiert dich das? Dein Weib mag sehen, wie's sich durchschlägt, und du kehrst, so du hungrig bist, bei einem reichen Bruder ein, setzest dich an seinen Tisch und iffest von seinem Mahle, denn das ist Chassidimrecht. „Mein ist dein und dein ist mein, das ist des Chassid Art." Ern Chassid ist nie verlasien, er findet stets bereite Helfer in der Noch, stets, wenn er ein Geschäft betreibt, offenen Credit, wenn er eine heirathsfähige Tochter hat, eine gute Partie, wenn er Halbweges gelehrt ist, eine Anstellung als Rabbiner, Lehrer oder schlimmsten Falls als Schochet. Die Brüder gehören ihm und er den Brüdern, und allesammt gehören sie dem Rebben. Und wie wunderthätig ist dieser Rebbe! Einem Weinhändler ist ein Unglück passirt, ein Faß theuren Ungarweines ist chm durch Berührung eines Goj ungenießbar geworden. Der Rebbe wird per chance vorgeführt, sein Schubez streift das Faß, und merkwürdig! der Wein ist wieder koscher wie zuvor. Was sind alle unsere amerikanischen Patentmedicinen, was selbst der auf allen Felsenspitzen angepriesene „Buchu" gegen die Ueberreste von des Rebben Kidduschwein! Frauen, die sich nach Leibesfrucht sehnen, Männer, deren Gesundheit oder Geschäft im Sinken ist, — wen irgend ein Leid drückt, er komme, bezahle gut und trinke von dem Weine, und, es ist sicher, es hilft dem — Rebben. Schwindsucht, Leberleiden, Scharlach, Nervenfieber, alle elementaren Feinde der Menschheit, die häßlichen Blattern nicht ausgenommen, fliehen vor diesem edlen Tranke. Und wenn der Rebbe zu einem Festmahle geladen ist, so ißt er wenig und läßt viel auf dem Teller liegen, gleichwie in den Tagen der Speiseopfer nur eine Handvoll auf den Altar gelegt wurde, der größere Rest aber