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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-08-16 · Heft 33 (16.8.1870) · p. Seite 655

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 33 (16.8.1870)
Date
1870-08-16
Page
Seite 655 (sequence 11)
Language
German
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655 auf ein sehr geringes Maaß heruntersinken, so ärgert man sich dennoch über eine derartige Behandlung eines integrirenden Theilcs der Bevölkerung, der, so alt die hiesigen Machthaber auch sind, ihnen als Bewohner Roms Jahrhunderte voranging. Versenkt man sich aber in das innere Leben der hiesigen Judenschaft, so gewahrt man, daß die Dinge trotz alledem nicht so schlimm sind, wie man voraussetzen sollte. Natürlich darf man den Maaßstab nicht anlegen, den man aus dem Norden mitbringt. Es ist viel Armuth, Unwissenheit und Bildungsmangel bei der Masse der hiesigen Juden vorhanden. Aber sie sind doch nicht so arm, so ungebildet und so unglücklich, wie es scheinen könnte. Zunächst hat die Ausschließung vom übrigen Volke auch den überaus günstigen Erfolg geübt, daß sie von den groben Lastern der italienischen Masse frei geblieben sind und daß sie sich aus einer sittlichen Höhe gehalten haben, welche ihren Bestand gesichert und das Glück im Schooße ihrer Familien festgehalten hat. Dies und ihre Liebe zur Thätigkeit, wie gering auch der Ertrag derselben sei, lassen hinter der äußeren Armuth und dem Schmutze ihres Wohnortes alles erträglicher sein, als es eben den Anschein hat, und ich kann mit Grund behaupten, daß sie bei den mäßigen Bedürfnissen, welche überhaupt im Süden vorhanden sind, doch viel besser leben, als die Masse des übrigen Volkes, das desselben Standes ist. Es giebt aber auch sehr feingebildete Familien unter den römischen Juden, wissensreiche Männer, anmuthige Frauen, und ich zweifle nicht im geringsten, daß, wenn morgen den hiesigen Juden die Thore des öffentlichen Lebens geöffnet würden, sich nach einiger Zeit eben so viele von den hiesigen Juden hervorthäten, wie dies in den Gemeinden des Königreichs Italien geschehen ist, selbst da, wo sie dem Drucke am meisten ausgesetzt waren, wie z. B. in Modena. Die längere Dauer der Knechtschaft und die unmittelbarere Demüthigung, die für die römischen Juden bestanden, macht hierbei nichts aus. Unsere Glaubensgenossen werden dies hier ebenso schnell überwinden wie anderswo. Wer den Juden in anderen Ländern nicht kennt und die hiesigen des unteren Standes in ihrer äußeren Erscheinung beobachtet, wird dies nicht glauben. Ich aber, der Erfahrungen, selbst jenseits des Oceans gemacht, weiß dies besser, und erkenne unter der Verhüllung die Zeichen, welche die zukünftigen Blüthen in einer glücklicheren Zeit dem kundigen Auge bedeuten. Fragen Sie mich aber, ob diese Zeit nahe sei, so kann ich sie nur auf die allgemeinen politischen Verhältnisse verweisen. Aus den Zuständen in Rom selbst kann man keinen Schluß ziehen. Es giebt wohl Römer genug, welche einer Umwälzung in den Verhältnissen zujauchzen, sich ihr anschließcn lvürden. Der größte Theil aber fürchtet die Entfernung des Papstthums aus Rom als den Verlust ihres Brodes, da Rom hierdurch seine größte Anziehung für die Fremden verlieren, und diesen Verlust selbst der italienische Hof nicht ersetzen würde. Es ist, als ob bei den Römern der Verfall ihrer Stadt zu der Zeit, wo die Päpste in Avignon residirten, in der Erinnerung geblieben, und daß dieser zurückkehren werde, wenn der päpstliche Stuhl anderswo ausgeschlagen würde. Nicht die Frömmigkeit, nicht die Anhänglichkeit an das päpstliche Regiment, sondern die Furcht vor dem Verluste ihres Brodes macht die Römer der Veränderung abgeneigt. Sie selbst haben so geringen Respect vor den großartigen Trümmern und ihren Kunstschätzen, daß sie auch nicht glauben, die Fremden würden um dieser willen noch hinkommen. Und doch lebt Rom nur von den Fremden. Alle hiesigen Verschwörungen sind daher von keiner Bedeutung und erhalten solche erst durch das Benehmen der Regierung selbst. Es muß also von außen kommen. Die Verwesung, die in allen staatlichen Einrichtungen herrscht, ist in Rom keine Bürgschaft für eine Umwandlung. Sie könnte noch Jahrhunderte währen. Die Hoffnungen auf eine glücklichere Zukunft unserer römischen Glaubensbrüder können nur auf eine durch politische Veränderung von außen gekommene Umwandlung gesetzt werden, lieber einiges Einzelne aus der hiesigen jüdischen Welt das nächste Mal. Palastin a. Jerusalem, 1. Juli. (Privatmitth.) (Wir erhielten erst den 2. August eine Zuschrift des Herrn Dr. London, Oberarztes des Rothschild'schen Hospitales, welche ziemlich dasselbe enthält, was wir bereits aus einem Schreiben desselben Herrn an die Arcli. isr. in Nr. 3 i mitgetheilt haben. Wir geben daher von diesem Briefe die erste Hälfte, welche einige Details enthält. Sie lautet:) Wohl wissend, daß Sie und die Leser Ihres weitverbreiteten Blattes für Jerusalem und seine Huma- 33*

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