Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1870)
- Date
- 1870-08-16
- Page
- Seite 654 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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654 verwerthen und mit Ruhe den Tag einer definitiven Ernennung abzuwarten. Sie würden in die Pflichten des geistlichen Lehramtes eingeweiht an der Seite der Großrabbincr, in den Mittelpunctcn der Bevölkerung; sie würden die Rabbiner in Krankheitsfällen vertreten und interimistisch Dacanzen übernehmen; sie würden überhaupt beauftragt sein, mehrmals des Jahres an den Festtagen das Wort Gottes nach den von dem Sitze eines Rabbiners entfernten, und bis jetzt jedes religiösen Unterrichtes entbehrenden Communen zu tragen. „Es giebt Gemeinden," schreibt Herr Isidore, „wohin das Wort Gottes noch nie gedrungen, wo jüdische Männer, Frauen und Kinder noch niemals einen Redner gehört haben, der beauftragt ist, ihnen die Religion Israels, das Gesetz des Sinai, zu erklären und zu verkünden. — Dies ist nicht gestattet und man muß ihm ein Ziel setzen. „Unser Werk wird von einer aus dem gegenwärtigen Counts des Seminars und aller Großrabbiner und Präsidenten der Consistorien gebildeten Commission geleitet werden. „Diese Commission wird den Rabbinern ihre Mission vorzeichnen und ihre Arbeiten beaufsichtigen. „Die Nützlichkeit dieses Werkes ist unzweifelhaft; es trägt in sich, meiner Ansicht nach, den Keim einer vollständigen Wiedergeburt. Unsere künftigen Prediger werden also die Erfahrung und den Tact erwerben, den in den Beziehungen zu einer Gemeinde nichts ersetzen kann und der ihnen bisweilen fehlt, und besonders wird man in unseren Schulen und in unseren Synagogen künftig die Stimme der Religion, der Ehre und der Pflicht vernehmen. „Um dieses Projett zu realisiren, haben wir wenig Geld nöthig, höchstens einige tausend Francs — es sind selten mehr als fünf oder sechs junge Rabbiner ohne Stellung — und diese einige tausend Francs, ich werde sie ohne Furcht von den französischen Israeliten fordern, von den Consistorien, sowie von Privatleuten, von allen ohne Ausnahme." Man kann diesen Absichten nur zustimmen; unglücklicherweise traten sie zu einer Zeit ans Licht, wo so schwere Lasten und so unabweisbare Pflichten auf die Schultern Aller plötzlich gelegt wurden, daß auch die obige Stimme schweigen muß. — Man nennt eine israelitische Familie von Straßburg, von der zwei leibliche Cousins, der eine in der französischen, der andere in der deutschen Armee dienen. — Die Arch. isr. eröffneten in ihrem letzten Hefte eine besondere Rubrik „israelitische militärische Nachrichten." Wir billigen dies nicht. Wir rufen dadurch jene confessionelle Unterscheidung und Solidarität heraus, die wir Juden in allen nicht religiösen Angelegenheiten so oft perhorresttren. Die jüdische Presse darf wohl auch besondere militärische und auf den Krieg Bezug habende Wohlthätigkeitszüge von Juden, wenn sie der Auszeichnung werth sind, berichten; aber dieselben unter eigener Aufschrift sammeln, ist zu provottrend, und, da jedenfalls viele Einzelheitenentgehen, unvollständig, während unsere Gegner diese Nachrichten als vollständig und darum nicht befriedigend verhöhnen werden. Wir glauben nicht, daß andere Blätter Rubriken, wie „katholische oder evangelische militärische Nachrichten" bringen werden. Das Wort „israelitisch" hat mit dem Kriege gar nichts zu thun, und ist demselben geradezu entgegengesetzt. Wir Juden in Deutschland nehmen, da unsere Anzahl die der französischen um das Fünffache übersteigt, einen viel größern Antheil an den Werken dieses Krieges; aber wir hüten uns wohl, solche besondere Rubriken aufzustellen. Es scheint denn doch, daß trotz alledem die bürgerliche Gleichheit in Deutschland mehr ins Bewußtsein eingedrungen ist, wenigstens bei den Juden selbst, als in Frankreich. Italien. Rom, im Juli. (Privatmitth.) Sie verlangen nicht, daß ich Ihnen die Beschaffenheit des hiesigen Ghetto und die Zustände bei unseren Glaubensgenossen im Detail schildere. Haben Sie doch erst vor Kurzem aus einer unparteiischen christlichen Feder eine solche Skizze gebracht, und bliebe mir nur übrig zu wiederholen, was schon oft gesagt worden. Der fremde Glaubensgenosse, der hierher kommt, ist aus einem Lande, wo die Abkömmlinge Abrahams den übrigen Bürgern gleich geachtet und frei sind, und kann sich deshalb des tiefen Ingrimms über eine Regierung nicht erwehren, welche die Religion auf den Lippen trägt, sich als ein religiöses Institut gerirt und so mit den Rechten der Menschlichkeit umgeht. Denn obschon alle staatlichen Einrichtungen hier schlecht verwaltet und im Verfalle sind, die Erwartungen also