Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1870)
- Date
- 1870-08-16
- Page
- Seite 652 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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652 dann durch ein frömmelndes Wesen eine besondere Autorität zu erwerben trachten. Ist es doch erst neulich zur Sprache gebracht worden, daß der sel. Großrabbiner Ullmann für die Seminaristen des Rabbinerseminars so gut einen luclex probibitorurn wie die päpstliche Curie in Rom hielt, d. h. wissenschaftliche Werke besonders deutscher jüdischer Gelehrten, z. B. einen Theil von Herzfelds Geschichte, zu lesen verbot und aus der Bibliothek des Seminars entfernte. Dies ist aber nur die negative Seite. Man bedauert aber auch ganz besonders, daß auf diese Weise die Gelegenheit vorerst vereitelt wurde, eine lebendige und persönliche Verbindung zwischen dem deutschen und französischen Judenthume, zwischen den Vertretern des französischen und des deutschen Rabbinats herzuftellen. Es wäre dies für beide Theile vortheilhaft gewesen, besonders aber für die französische Seite, die, wir verkennen es nicht, an Einseitigkeit leidet. Herr Zadok Kahn ist, wie allgemein anerkannt wird, gegenwärtig unter den französischen Rabbinen die hervorragendste Persönlichkeit, und wenn er so vor aller Welt erhärtet, daß er nicht blos Wissen und Talent, sondern auch Charakter besitzt, so werden sich an ihn immer mehr die Hoffnungen knüpfen, daß er dem französischen Äudenthume aus der Sackgasse helfen werde, in welche sich dieses offenbar verlaufen hat. Sie werden über dieses Wort lächeln, denn es ist bei uns so wenig vom „Gehen" die Rede, daß an ein „Laufen" gewiß nicht zu denken. Möge aufgeschoben nicht aufgehoben sein. Paris, 29. Juli. Rach der „Rev. isr." hat der „Gaulois" eine Aufforderung an den Großrabbinen, Herrn Isidore, gerichtet, unter den Juden eine Subscription für die Armee zu veranstalten. Und H. Isidore ist darauf eingegangen. Die Redaction der „Rev. isr." selbst scheint dies tadelnswerth zu finden, denn sie erzählt eine Anekdote: Als die Frau eines Großrabbinen in der Provinz aufgefordert wurde, unter den jüdischen Damen einen Verein zur Herstellung von Charpie zu bilden, antwortete sie: „Ich mag keine jüdische Charpie!" Dies wäre die rechte Antwort seitens des Herrn Isidore gewesen. An einem rein patriotischen Werke haben die Juden als Franzosen die aufopferndste Theilnahme zu bewähren, nicht aber als Juden. In solchen Dingen sich confessionell zu trennen, wiederstrebt der wirklichen Gleichberechtigung, und es zeigt, daß die Redaction des Gaulois von einer wirklichen Gleichstellung noch wenig Verständniß hat, wenn sie eine solche Forderung stellt. Es ist aber auch unklug. Wie die Rev. isr. bemerkt, befinden sich in der Spendenliste des Gaulois bereits vor jener Aufforderung viele Gaben von Juden. Auch fernerhin werden viele Glaubensgenossen ihre Gaben unmittelbar senden, schon weil sie nicht wissen werden, daß Herr Isidore solche annimmt, theils weil sie dieser Trennung mit Recht abgeneigt sind. Die Liste des H. Isidore könnte daher gering ausfallen, jedenfalls aber geringer, als die Gaben von Juden ausmachen. Da heißt es dann schließlich: die Juden seien schlechte Patrioten. Zu solchen Äußerungen sind die Franzosen in neuerer Zeit sehr geneigt, wie die Klagen der jüdischen Blätter selbst erweisen. Von der anderen Seite wird dadurch eine Pression auf die Juden ausgeübt, um übermäßige Gaben ihnen abzunöchigen. Herr Isidore hätte also viel weiser gehandelt, wenn er geantwortet hätte, die Juden bedürften als Franzosen keiner besonderen Aufforderung und wollten, wie sie Franzosen seien, auch bei den patriotischen Opfern nur unter dem Volke erscheinen; der Patriotismus kenne keine confessionelle Absonderung. Die Rev. isr. theilt die Antwort des H. Isidore mit. Diese enthält auch die gewöhnlichen französischen Phrasen: „Wir erinnern uns mit freudiger Empfindung, daß die Fahne Frankreichs die Standarte der Civilisation ist, und daß sie in chren Falten die Freiheit und die Emancipation der unterdrückten Völker trägt". Es ist wohl der ungeeigneffte Augenblick, jetzt solche Phrasen zu drehen, wo nach dem übereinstimmenden Urtheil der civilisirten Welt der französische Herrscher einen Nationalkrieg in der frivolsten Weise und ohne das geringste greifbare Motiv herbeigeführt hat. Die Weltgeschichte hat es allerdings verzeichnet, daß die französische Nation zur Verbreitung und Verwirklichung der Ideen der Freiheit Vieles beigetragen; aber ihr Griffel hatte auch leider die Ströme von Blut, die Verheerungen und Erpressungen aufzuzählen, welche Frankreich seit den Tagen Ludwig XIV. bis auf die heutigen über die civilisirte Welt gebracht hat; sie hat darüber ihr Urtheil fcstgcstellt, daß Frankreich einige Augenblicke der Größe stets durch eine unbegrenzte Herrschsucht verdunkelte, welche den Völkern ein Uebermaß von Opfern gekostet hat. Wir hätten dem französischen Großrabbinen alle möglichen patriotischen Aus-