Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1870)
- Date
- 1870-08-16
- Page
- Seite 650 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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650 laufen könnten, um sofort das Rechte und das Wahre zu erfahren. Sie hätten diesen unfehlbaren Papst sich in Watte einwickeln müssen, um ihn als das kostbarste Kleinod des Menschengeschlechts zu bewahren und vor jedem Schaden zu behüten. Statt dessen machen sie seinen Thron noch wankender, als er vorher gewesen, und sagen ihm zum Thcil den Gchorsum völlig auf! — Die Ultramontanen hätten es gern gesehen, wenn der Krieg um ihret- und ihrer Sache willen ausgebrochen wäre — so ein Religionskrieg wäre ihnen sehr angenehm gewesen, das brächte ihre Angelegenheiten in Fluß. So aber vergißt man ihrer, und das ist das Schlimmste, was ihnen begegnen kann. Aus der Provinz Posen, im August. sPrivatmitth.) Hier ist jüngst ein Curiosum vor sich gegangen. Die Leser erinnern sich vielleicht eines gewissen Levy, der sich einen Rabbiner aus Schwerin Q. S. nannte und der einen so heiligen Eifer gegen alle Männer des Fortschrittes entwickelte, daß er zuletzt wegen grober Injurien im Gefangenhausc zu Grätz eine Strafe verbüßen mußte. Er verlangte dies ausdrücklich in Grätz, um, wie er sagte, wirklich koscheres Essen zu erhalten. Natürlich auf Kosten einiger frommen Mitglieder der Gemeinde. Jetzt ist er gestorben und nach seinem Tode fand man bei ihm um den Hals gebunden ein Kreuz, das er auf der Brust getragen. Ich theilc dies aus zuverlässigster Quelle mit. Man sieht, in wessen Solde der fromme Heuchler stand. — Die Unterbringung junger Leute der weslrussischen Juden bei den Handwerkern jüdischer Eonfession würde wesentlich ohne bedeutende — ja zuweilen ohne alle — Unterstützung von Seiten des Hauptgrenzcomits oder anderer Eomitös, welche sich zu diesem Zwecke gebildet haben, gefördert werden, wenn entweder die Gemeindevorsteher oder andere einflußreiche Männer in der Gemeinde die jüdischen Handwerker darauf auswerksam machen würden. In den meisten Fällen würden nur die Uebersicdelungskosten zu decken sein, da viele jüdische Handwerker auch zu ihrem eigenen stützen gerne bereit wären, solche junge Leute in die Lehre zu nehmen und ihnen Unterhalt zu gewähren. So hat ein jüdischer Schneidermeister in Grätz einen solchen durchreisenden Knaben — eine vater - und mutterlose Waise — sehr bereitwillig in die Lehre genommen und sorgt für dessen Unterhalt. — Man meldete vor Kurzem, daß bei der Verurtheilung von sieben Juden aus Czarnikau vor dem Schwurgerichte in Schneidemühl wegen vielfacher Betrügereien zu mehrjährigen Zuchthausstrafen der Staatsanwalt Martins sich der Worte bedient habe: „Die Juden nennen sich seit Jahrtausenden das auserwählte Volk, ja sie sind auserwählt durch ihre Verworfenheit!" und daß dieser Beamte hierfür von seiner Vorgesetzten Behörde eine Rüge erhalten und nach Deutsch-Crone versetzt ward. Mit der Rüge verhält es sich so, aber die Versetzung geschah aus anderen Gründen. München, 29. Juli. (Privatmitth.) Je höher die Fluch des deutschen Patriotismus auch im Baherlande geht, je schneller vor dem Angriff des Feindes alle Parteien, alle Consessionen ihre Unterschiede und Spaltungen haben fallen lassen, desto mehr muß es markirt werden, daß es die Ultramontanen allein sind, welche, wenn auch nur in ihrem verbissensten Theile, Deutschlands uneingedenk sind, ihm selbst verrätherisch den Rücken zu wenden nicht scheuen. Es darf dies für spätere Zeit nicht unvergessen bleiben, damit endlich die deutsche Nation inne werde, wo ihr eigentlicher Feind steckt. Wenn dies in diesem Blatte hervorgehoben wird, so wird man es nicht als einen Act provocirender Feindseligkeit auslegen. Aber da es dieselbe Partei ist, welche die Juden mit unverlöschlichem Hasse und mit unermüdlicher Anstrengung verfolgt, welche immer und immer wiederholt, daß die Juden keine Deutschen, sondern Fremde, orientalische Gäste seien, denen man die Bedingungen ihrer Existenz vorschreiben und die man nach Belieben aus dem Lande werfen könnte, so wäre Schonung nichts als Schwäche. Wir wollen absehen davon, daß es die Ultramontanen in der bayrischen Abgeordnetenkammer möglich zu machen gewußt, noch über 49 Abgeordnete gegen die Lctheiligung Bayerns an dem Kampfe für das deutsche Vaterland stimmen zu lassen. Aber daß ein Theil des niederen Klerus das Landvolk für Frankreich hat aufwühlen wollen, ist eine Thatsache, die dieser Partei zur ewigen Schmach gereicht. Hiergegen bedeutet es wenig, daß die Erzbischöfe als hohe Würdenträger Hirtenbriefe im deutschen Sinne erlassen haben; ihre Stellung erforderte dies. Aber cs ist notorisch, daß in einem großen Theile des niederen Klerus die nationalen Sentenzen dieser Hirtenbriefe großen Unwillen