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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-08-16 · Heft 33 (16.8.1870) · p. Seite 648

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 33 (16.8.1870)
Date
1870-08-16
Page
Seite 648 (sequence 4)
Language
German
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648 durch die realen Erscheinungen enttäuscht zu werden scheinen. Wir führen nur den Beruf unserer Gott begeisterten Propheten fort. Auch sie haben die Läuterung, Erhebung und Erlösung der Menschheit, die sie verkündeten, in ihrem Geiste oft nahe geschaut, oft in nahen Zeiträumen sich verwirklichend, und die Zerstörung und den Untergang der despotischen und entarteten Völker und Staaten ganz nahe erblickt. Es ist Alles eingetroffen, aber später, verzögerter, und das von ihren Verkündigungen noch heute übrig Bleibende wird in Erfüllung gehen, wenn auch später, verzögerter. Wir kämpfen eben nicht mit dem Schwerte aus Erz, sondern mit dem Schwerte des Geistes. Die Idee des Friedens aus der Solidarität der Interessen aller Völker, wie die Idee des Friedens aus der Völkerfreiheit haben durch den eben ausgebrochenen Krieg eine abermalige Enttäuschung erfahren. Aber dieser Krieg steht doch nur unter dem Machtgebote einer Idee, nämlich der deutschen Nationalität unv Einheit. Wir haben daher jene Ideen durchaus nicht aufzugeben und dem Realismus zu opfern. Aber wir werden fortan annehmen, daß noch manche blutige Kämpfe stattfinden werden, jedoch schließlich nur in ihrem Dienste. Der Krieg wird den Völkern immer unerträglicher werden, und die Völkerfreiheit wird sich so wahr und so echt herausbilden, daß sie zuletzt den Krieg nicht mehr duldet, nicht mehr möglich läßt. Für jetzt also müffen wir noch mit dem Kriege rechnen. Denn selbst der glücklichste Erfolg des jetzigen Krieges wird noch manche Frage übrig lasten, für deren Lösung später vielleicht die Schwerter wieder aus den Scheiden blitzen. Wer kann sagen, ob das Verhältniß zwischen Deutschland und Frankreich zu einer dauernden Lösung kommt? wer, ob die deutsche Einheit sich, wie jetzt in der Gefahr des Krieges, so dann in der Sicherheit des Friedens, in erwünschter Weise gestalten wird? Und wie wird das Verhältniß der österreichischen Deutschen zu Deutschland in Zukunft bleiben? Giebt es keine orientalische Frage, die in sich an einer solchen Völkerverwirrung leidet und an einem solchen Knäuel von Interessen der verschiedenen Staaten, daß sie noch zu mehr als einem blutigen Kampfe veranlasten kann? Aus alles dieses müsten wir, unsre Söhne und Enkel, vorbereitet sein — aber „die Todten retten schnell," und die Ideen allein sind das Leben! Literarischer Wochenbericht. Bonn, 1. August. Es ist ein eigenes Gefühl, in dem Augenblicke, wo man bangend und zagend die ersten Kanonenschüsten zwischen den feindlichen Heeren erwartet, der Krieg in seinem furchtbarsten Sturm losbricht, und die Zukunft in schwarzen Farben vor uns steht, eine Sammlung von Gedichten in die Hand zu nehmen, sie zu lesen, zu genießen und gar zu beurtheilen. Die Kraft des männlichen Willens muß hier erweisen, ob sie sich über die Aufregung des Gemüthes zum Herrn zu machen vermag, und die Gedanken, die unruhig umherschweifen wollen, zu sammeln und abzuschließen, befähigt ist. Jndeß würde uns dies schwerlich gelingen, wenn nicht ähnliche Töne aus dem vor uns liegenden, höchst elegant ausgestatteten Bändchen entgegenklängen, wenn nicht auch hier Sturm und Kampf für Freihett und Recht aus der begeisterten Brust des Dichters vernehmbar wären: „Klänge aus Böhmen. Zeitgedichte von MartinPerels. Zweite Auflage. Leipzig, Matches. 1870." Alfred Meißner hat vor Jahren den Hussitenführer Zizka in einem Dichterwerke verherrlicht. Diese Dichtung und ihr Gegenstand begeisterten wiederum Herrn Perels und er verherrlicht sie seinerseits in trefflichen Versen, die an Form und Inhalt eine gediegene poetische Kraft erweisen. Perels ist österreichischer Föderalist. Er sagt (S. 62): Glaub mir, nicht eh'r wird Oesterreich erstarken, Als bis es als ein Staatenbund ersteht, Wo jedes Land in seinen eignen Marken Die eignen Wege seiner Wohlfahrt geht; Bis es aus der Erstarrung rückwärts flutet. In die Vergangenheit zurückegreift, Daß es mit alten Flammen neu durchglutet Aus alter Wurzel neue Früchte reift! Hieraus ist erklärlich, daß er für die Träger der Geschichte Böhmens, nicht gerade für die Czechen, sondern für Böhmen, für die besondere Krone Böhmens auf dem Haupte des österreichischen Kaisers strettet. Hiervon erhofft er den wirklichen Ausgleich der Bölkerstämme, das Aufhören des Sprachenzwistes, die Freiheit und den Frieden. Man kann mit dieser polttischen Ansicht nicht einverstanden sein, man wird aber niemals den deutschen Dichter beschuldigen dürfen, gegen die | Deutschen zu agitiren.

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