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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-08-16 · Heft 33 (16.8.1870) · p. Seite 647

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 33 (16.8.1870)
Date
1870-08-16
Page
Seite 647 (sequence 3)
Language
German
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647 ßen kommt in denselben nicht mehr vor. Der Sieg der deutschen Idee ist also ebenso stark im Norden wie im Süden. Es ist also doch eine Idee, welche zu einer der* realsten Erscheinungen geworden ist, und gewahren wir wohl, keine Idee, die gleichsam über Nacht gekommen und schwärmerische Geister überrascht und eingenommen hat, vielmehr eine Idee, welche sechs Jahrzehende mit den realsten Hindernissen zu kämpfen hatte und nun doch siegte. Entstanden auf den Trümmern des deutschen Reiches, laut geworden in den Freiheitskriegen, wurde diese Idee der deutschen Nationalität und Einheit bald geächtet und ihre Träger mit Absetzung, Verfolgung und Kerker erdrückt. Kümmerlich fristete sie ihr Daseiit in einer völlig unklaren Jugend, welche ihre Träume in den Festungen zu büßen hatte. Aber die Zeit verlangte immer unwiderstehlicher größere Freiheit der Geister, und diese Freiheit weckte sofort den deutschen dcationalgedanken aus seinem Schlummer. Die Fürsten selbst wurden trotz ihres Absolutismus davon ergriffen, die Völker nährten ihn immer mehr. Mit der revolutionären Erschütterung von 1848 brach er durch, aber mit ihr scheiterte er noch einmal, und in allen deutschen Staaten war er abermals verpönt. Sowie jedoch die Reaction ihr Bleigewicht wieder verlor, erhob er sich zu einem neuen Weltgang. Der fünfzigjährige Bau des deutschen Bundestages war so morsch geworden, daß er die rivalisirenden Einzelstaaten nicht mehr unter sein Dach bergen konnte. Er brach zusammen, die Flamme des Krieges schlug aus seinen Trümmern über Deutschland auf — der norddeutsche Bund erstand, der, wenn auch zeitweise noch mit Ausschluß des Südens — das gesammte Deutschland mit einem Reichstage, mit einem Bundesrathe und einem Oberhaupte in Frieden und Krieg vereinigt. Aber diese deutsche Einheit ist es eben, welche den französischen Cäsar zum Kampfe brachte. Nachdem ihr Gedanke in Deutschland durchgedrungen, muß er erst noch den Feind von außen Niederkämpfen. Dieser wollte die Spaltung zwischen Süd- und Norddeutschland noch in ihrem letzten Stadium benutzen, um die deutsche Einheit abermals in die Luft zu sprengen, nicht weil sie Frankreich irgendwie bedroht, sondern weil sie ihm jenes Obergewicht, jene Suprematie beschränken würde, welche Frankreich in Europa ausüben will. Nun, dasselbe Motiv trieb ihn mit seinen Cohorten nach Mexico, um es in Amerika geltend zu machen, und er scheiterte daselbst. Auch in Deutschland ist er bereits gescheitert, denn seine Kriegserklärung verwirklichte sofort die deutsche Einheit, und nun kommt es nur noch auf den Erfolg der Waffen an. Wir sehen also, daß es wohl Ideen giebt, welche die Herrschaft erringen, nur daß ihr Weg der schwierigere und darum langsamere ist, daß solche Ideen auf ihrem Wege zum Ziele oft geschlagen, zurückgedrängt, niedergewvrfen, abgeschwächt und verfälscht werden, daß die realen Mächte häufig ein Siegeslied über sie anstimmen können, daß sie aber endlich durch diese realen Mächte selbst zum siegreichen Ziele getragen werden, weil sich die letzteren in den Schutz dieser Ideen flüchten müssen. Uno fürwahr, wir selbst haben in dem verfloffenen halben Jahrhundert mehrere solcher Ideen triumphiren gesehen, Venen die realen Mächte sehr lange aufs feindlichste gesinnt waren und ihnen mit brutaler Gewalt gegenüber standen. Der Constitutionalismus, die Grundrechte, die Freiheit des Handels und der Gewerbe, ganz besonders die Gleichberechtigung der Eonfessionen, dies Alles sind Ideen, denen weder Schwerter noch Kanonen, weder die Cabinete noch die Bureaukratie zu Gebote standen, sondern welche alle diese zu entschlossenen Gegnern hatten, welche daher immer und immer wieder geschlagen und zurückgedrängt wurden. bis sie endlich dennoch siegten, wenn auch mehr oder weniger noch mangelhaft. Was folgt also hieraus? Daß diejenigen irren, welche, indem sie selbst von der Richtigkeit und dem Adel, von der Wahrheit und der Schönheit ihrer Ueberzeugungen durchdrungen sind, glauben, daß deren Erfüllung nahe ist, daß sie bereits die Kraft besitzen, alle ihre Hinderniffe zu überwältigen, so daß Recht, Wahrheit und Frieden ihre unbedingte Herrschaft bereits angetreten haben. Diese irren, denn weil die Ideen und Ideale nicht mit materiellen Waffen kämpfen, sondern nur von innen heraus die Materie ergreifen und ausfüllen, müssen sie, so lange das Letztere nicht völlig geschehen, immer wieder dem Anprall der realen Gewalten weichen, und so lange unterliegen, als diese nicht ihrem Dienst anheimgefallen sind. Aber noch mehr irren die Gegner, welche die Ideen als Träumereien behandeln, die reale Gewalt als die allein bestehende und entscheidende erachten und den Empirismus für die einzige Vernunft in den irdischen Dingen ausgeben. Lasten wir uns daher nicht | beirren. Was wir als unsere Standarte einhertragen, dem wir unser Leben und all' unsere Kraft gewidmet, das, Ihr Gleichgesinnten und Gleichstrebenden, wird siegen, und mögen wir auch noch oft und lange Zeiten 33*

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