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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-08-16 · Heft 33 (16.8.1870) · p. Seite 646

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 33 (16.8.1870)
Date
1870-08-16
Page
Seite 646 (sequence 2)
Language
German
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646 Charakter von Warnungen an sich tragen, von denen i der Gesetzgeber selbst wesentliche Abhülse nicht erwartete, und auch das traditionelle Gesetz fand sich nicht veranlaßt, durch eine genauere Interpretation feste Schranken zu ziehen; höchstens that es dies hinsichtlich der Frauen.*) Nachdem Israel einen König erhalten, spielten sich denn auch jene obigen Wege ab, und das Reich ging unter. Das heilige Buch hat Recht. Herrschsucht, Verschwendung und Entsittlichung haben auch in diesen Tagen den französischen Cäsar genöthigt, seine Existenz aus ein letztes Spiel zu setzen, und verleiteten sein Volk, ihm auf dem frevelhaften Wege zu folgen. Dies ist das Ueble. Neben der Solidarität der Völker in ihren materiellen und geistigen Interessen hat man immer geglaubt, daß, wenn die Völker erst frei wären und endgültig selbst über ihr Thun beschlösien, ein Krieg unmöglich sei. Denn nur die Leidenschaften der Herrscher entzündeten den Krieg; die Völker selbst wären zu einsichtsvoll, hätten zu viel Gewisien und wüßten es zu gut, daß ihre eigenen Jnteresien durch den Krieg, mögen dessen Chancen sich noch so günstig für sie stellen, im höchsten Grade gefährdet sind, als daß sie bei freier Selbstbestimmung zu den Wasien greifen würden, es sei denn zur Abwehr und Bertheidigung. Die Franzosen haben in diesem Augenblicke den Gegenbeweis geliefert und, was sie betrisit, diese theoretische Voraussetzung zu Schanden gemacht. Nicht daß wir die französische Nation in ihren fetzigen Institutionen für frei hielten, doch aber für so frei, um über ihr Geschick selbst Bestimmung treffen zu können. Die Franzosen haben das suffrage umversel, und dies ist eine Waffe, mit welcher sie jeden Despotismus abwehren könnten. Thun sie es nicht, so machen sie sich zu Mitschuldigen des Despoten. Man bedenke: die Herrschaft des Cäsars währt bereits zwei Jahrzehende; das französische Volk hat unterdeß nicht bloß den Krim- und den italienischen Krieg, sondern auch die mexicanische Expedition gemacht, welche die Gebeine von hunderttausenden seiner Söhne in den heißen mexicanischen Gesilden bleichen ließ und eine AMilliarde kostete. Demungeachtet hat es seinem Imperator abermals 8 Millionen Stimmen im Plebiscit gegeben, und als die Diener des Kaisers den Krieg in schnödester Weise provocirten, klatschten nicht blos der altersschwache Senat, sondern auch die vom Volke durch das suffrage universel gewählten Vertreter mit Ausnahme eines klei- *> Vgl. Rambam Hilch. Melach. III, 2. nen Bruchtheiles den wüthendsten Beifall zu. Man sage nicht, daß jenes Plebiscit, und die Wahl dieser Vertreter durch die Pression und Corruption seitens der Regierung zu Stande gebracht seien. Denn dies wäre das bitterste Berdammungsurtheil über eine Nation von 10 Millionen. Auch blieb der allgemeine Kriegsrus in Frankreich nicht lange aus. Wir müssen also zugestehen, daß jene Prämisse ebenfalls nur illusorisch zu sein scheint, und daß die Freiheit allein die Völker vor dem Kriege nicht bewahren könne; weil es Nationen geben wird, welche durch Ehrgeiz und Habgier sich beherrschen lassen und leicht verleitet werden, sich auf ihre friedlichen Nachbarn zu stürzen. Diese Erkenntniß ist bitter, aber muß gemacht werden. Will man also fortan mit jener Voraussetzung weiter rechnen? Vielmehr: so wenig Vernunft und Wissenschaft bis jetzt im Stande waren, den Ultramontanismus unschädlich zu machen, ebensowenig vermögen das Recht und die Humanität sammt der Solidarität der Interessen den rohen, barbarischen Kampf mit den Waffen zu hintertreiben. Doch nein! So spricht eben nur der Empirismus, und wenn wir zugeben, daß die Thatsachen den ideellen Voraussetzungen oft ins Angesicht schlagen, so können wir doch auch nicht zugeben, daß die letzteren der Wahrheit entbehren, und daß der Empirismus allein das Scepter führt. Halten wir uns an die Thatsachen selbst. Wodurch ist Deutschland in diesem Augenblicke die große einige Macht geworden, welche ihre Söhne von der Ostsee bis zu den Alpen in jenem südwestlichen Winkel vereinigt hat, wo es gilt, den „Erbfeind Deutschlands" auf Tod und Leben zu bekämpfen? Wodurck sind die sammtlichen deutschen Stämme von einer Begeisterung durchglüht, welche alle politischen, socialen und religiösen Parteien überwunden hat? Sind es die realen Verhältnisse, welche Bayern, Württemberg und Hessen unabweislich zu dem Preußen und dem Norddeutschen Bunde gezwungen haben, welche sie wenige Wochen zuvor noch so sehr verabscheuten? Nein, reale Bortheile konnten ihnen vielleicht durch eine Neutralität und Anlehnung an Oesterreich in reicherem Maße zufließen. Sondern es war die Idee der deutschen Nationalität, der deutschen Einheit, die Idee der nationalen Gemeinsamkeit, dem Todfeinde der letzteren gegenüber. Dieser Idee unterlag das Preußenthum und das Norddeutschthum ebenso wie der süddeutsche. Particularismus und der in den annectirten Provinzen. Die Proclamationen des Königs von Preußen sind deutsch und nichts als deutsch; der Name Preu-

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