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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-08-09 · Heft 32 (9.8.1870) · p. Seite 636

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 32 (9.8.1870)
Date
1870-08-09
Page
Seite 636 (sequence 12)
Language
German
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636 Teufels und daß die Sonne sich um die Erde bewegt rc. rc., weshalb Gott über die Völker den Becher seines Zornes ausgießt. Und das würde Alles noch ärger werden und Alles untergehen, falls man sich nicht bekehren und in die Arme der Jesuiten werfen würde, versteht sich der Jesuiten beider Confessionen. Dasselbe Spiel auf Seiten der jüdischen Zeloten. Ich habe die bestimmtesten Nachrichten, und könnte die Herren namentlich bezeichnen, die Napoleon III. als Werkzeug des strafenden Gottes Deutschland nur deßhalb den Krieg erklären ließen, weil deutsche Judengemeindcn die Orgel einführen und an den Gebeten des Mittelalters mäkeln, weil deutsche Juden die Satzungen des Schulchan-Aruch nicht mehr hielten und auch Sabbath- und Speisegesetze verletzen. Eine Fluth von Verwünschungen wurde von den heiligen Rippen über Alle losgelassen, die nicht zu ihrer Fahne schwören, und das „Verflucht sei", welches jetzt in Rom ertönt hat, muß in den Ohren der Zionswächter so lieblich geklungen haben, daß sie es mit wahrer Wonne auch ihrerseits anstimmen und sich nicht daran sättigen können. So wird die Religion verstümmelt und mißbraucht. Wir haben nichts dagegen, daß diese Leute auf ihrem Standpuncte fest beharren; sie mögen unbehindert ihre Glaubcnsansichten aussprechen und so gut sie es können vertheidigen. Aber wenn sie die höchsten Lehren der Religion in deren Gegentheil verkehren, wenn sie den allerhciligsten, allgerechten und allbarmherzigen Gott in einen kleinlichen Schulmeister mit der Strafruthe oder in einen blutdürstigen Tyrannen verwandeln, wenn sie die große Situation, in welcher die deutsche 'Nation sich befindet, zu ihren Ammenmärchen verwenden, und dem Volke die ersehnre Andacht, Weihe und Erhebung in Aergerniß uno Haß verkehren: so darf ihnen außer dem Unwillen aller wahrhaft Religiösen die öffentliche Rüge nicht vorenthalten bleiben. Das sind die Lehren, in Folge deren die Kreuzfahrer mit ihrem „Gott will es!" auf unsere schuldlosen Väter stürzten, die Ghetti anzündeten und Männer und Frauen, Greise und Kinder in die Flammen trieben! Das sind die Lehren, welche alles sittliche Bewußtsein fesseln, jede geistige Eultur erdrücken, Toleranz, Humanität, alle menschliche Verbrüderung verbannen. Ja, die Sündhaftigkeit der Menschen hat auch dieses entsetzliche Unheil verschuldet — aber es ist dies die Ehrsucht, die Herrschsucht und Habsucht der Brenschen, die scheußliche Leichtigkeit, mir der sie in den blutigen Kampf sich stürzen! Wie? waren die Zeiten der unbedingten Kirchlichkeit und Kirchenherrschaft und des Pietismus nicht gerade diejenigen, in welchen die barbarischen Kriege an der Tagesordnung waren, und die Greuel der Gewaltthat die ganze Erde bedeckten? Nur die wahre Religiosität, welche zugleich die wahre Humanität ist, kann die Menschheit von all diesem Unheil retten und erlösen. Jene falschen Propheten aber können die Wahrheit und das Recht nicht aufhalten, den Gang der Entwickelung nicht beschränken; aber sie sind eine Schmach für die Synagoge und werden dies bleiben, bis die Synagoge die geistige Kraft erlangt haben wird, sie gänzlich von sich abzuweisen. 8. Bonn, 24. Juli. «Privatmitth.) Die Unfehlbarkeit des Papstes ist also öffentlich und feierlich proclamirt, und zwar in der unbedingtesten crassesten Weise: papam per se ipsum infallibilem esse, daß der Papst für sich selbst unfehlbar sei. Alle, die dies nicht glauben und den Papst für einen fehlbaren Menschen halten, sind verflucht — also die große Mehrzahl der ALenschen, einschließlich zahlloser Katholiken, und darunter 88 Eoncilsväter selbst, die dieses Dogma verneinten, abgesehen von den 80, die es nur unbedingt annahmen. Der Katholicismus besitzt also einen Gott mehr, statt drei deren vier. Wie hiermit alle vernünftigen Katholiken fertig werden wollen, mögen sie selbst zusehen; das Geschäft wird ihnen durch den furchtbaren Sturm, der über die mitteleuropäischen Völker hinrast, erleichtert. Concilien sind fortan unnöthig, da der Papst in seiner Unfehlbarkeit Alles allein bestimmen kann, und die Bischöfe sind fortan dasselbe für den Papst, wozu sie den niederen Klerus längst gemacht, willenlose Automaten. Die Regierungen haben stets mehr zu thun, als sich um dieses kirchliche Dogma zu kümmern, und die österreichische Regierung, von der man behauptete, sie wolle nach der Proclamirung der Unfehlbarkeit das Concordar für aufgehoben erklären, und das plaeitum regium, d. h. daß keine päpstliche Bulle oder päpstliches Breve veröffentlicht werden dürfe, bevor die Regierung ihre Zustimmung ertheilt hat, wieder einführen, scheint sich zu einem solchen Entschlüsse nicht aufraffen zu können. So verläuft die ganze Sache scheinbar in den Sand. Wir unterschätzen jedoch das Factum nicht. Der Geist, der hierdurch der ganzen katholischen Kirche eingeflößt wird, die absolute Gliederung des ganzen hierarchischen Or-

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