Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1870)
- Date
- 1870-08-09
- Page
- Seite 635 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226777--28631-3302477- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
635 ausstattete, daß er unter den zahlreichen aus allen Welttheilen zur Ausstellung gebrachten Kunststickereien mit der Preismedaille gekrönt wurde! Mer selbst dieses kostbare Kunstwerk sollte in seinem ziemlich hohen Preise jüdische Opferfähigkeit nicht übersteigen, und die Petersburger Gemeinde zeigte durch den Ankauf dieses Lorhanges hinläuglich, wie wenig der Israelit Kosten scheut, da wo es sich um die Verherrlichung seines Gotteshauses handelt. Nächst Petersburg war es die isr. Gemeinde zu Odessa, welche in demselben Etablissement einen höchst kostbaren Vorhang anfertigen ließ; und in neuester Zeit waren es mehrere für die neu erbaute Synagoge zu Hannover bestimmte Vorhänge, Altardecken und Thoramäntelchen, welche in kunstsinnigen Kreisen hier großes Aufsehen erregten; und wir können unseren heutigen Bericht damit schließen, daß das bemeldete Hietel'sche Etablissement gegenwärtig den vierhundertachtzigften Vorhang anfertigt und hoffentlich noch im Verlaufe dieses Sommers bei den zahlreichen Bestellungen die fünfhundert voll machen und so in der Lage sein dürfte, nach seinen Geschäftsbüchern dem heutigen Judenthume ein Ehrenzeugniß auszustellen über die Tausende von Thalern, die es seit 20 Jahren (so lange besteht dieses Etablissement) für die Verherrlichung des Buches aller Bücher, die hell. Thora, geopfert hat. Berlin, 29. Juli. (Privatmitth.) Der jüdische Enchusiasmus und Patriotismus bewährt sich auch diesmal trefflich; nicht nur daß eine Menge junger Männer unsres Glaubens, die noch nicht oder gar nicht dienstpflichtig wären, zu den Fahnen freiwillig eilen, auch die Gaben fließen aus jüdischen Händen zu allen erforderlichen Wohlthätigkeitswerken, welche der Krieg nöthig macht, in Fülle. So enorm die Verluste der Börse, zu den patriotischen Subscriptionen hat sie bedeutende Summen geliefert, und jüdische Bankiers traten dabei besonders hervor. Nicht einen Augenblick tauchte dabei der unangemessene Gedanke auf, als Juden besondere Liste zu veranstalten. Hier ist nichts Confession, nur das Vaterländische und Humane. Möge aber nun bei dieser großen Erhebung und Opferwilligkeit des ganzen Volkes jede, auch die letzte Beschränkung aus confessionellen Gründen in Deutschland fallen, und namentlich jedes militärische Avancement jüdffchen Tapferen geöffnet werden! Es ist hohe Zeit, daß auch dieses, von oben her festgehaltene, verfassungswidrige Thun falle! Gleiche Pflichten, gleiche Treue — gleiche Rechte, gleicher Lohn! Berlin, 31. Juli. (Privatmitth.) Der allgemeine Bet- und Bußtag, welcher für Preußen vom Könige angeordnet worden, sah Mittwoch den 27. d. auch unsre Glaubensgenossen zahlreich nach allen Synagogen strömen, um den Sieg für die gerechte Sache unsres Vaterlandes, um einen baldigen ehrenvollen Frieden, der die Dauerhaftigkeit in sich verbürge, und um Linderung der Leiden und großen Calamitäten, welche der Krieg mit sich bringt, vom Herrn der Heerschaaren, dem Lenker der Geschicke zu erstehn. Fürwahr, alle Herzen bebten unter dem Einfluß und Druck des schweren Schicksals, das über uns gekommen, und so hoch auch die Zuversicht auf den glücklichen Erfolg unserer Waffen gestiegen ist, so mächtig die nationale Begeisterung, die sich zugleich als eine rein menschliche fühlt, sich ausschwingt: so giebt es doch keine Familie, die nickt in allen ihren Interessen betroffen ist, die nicht ihr Blut und ihr Gut in Gefahr sieht. Was also natürlicher, als die Gelegenheit zu ergreifen, die geängstigten Herzen vor Gott zu erleichtern und sich an den Tröstungen und Lehren der Religion aufzurichten! Dies ist denn auch in unzähligen Gotteshäusern geschehen, in allen solchen, in welchen die religiösen Lehrer des Volkes ihre Ausgabe begriffen und das Herzensbedürfniß des Volkes erkannt haben. Aber leider! nicht in allen. Wie ich von hier und nach Berichten von verschiedenen Orten mitthellen muß, so haben zelotische und heuchlerische Geistliche aller Confessionen, katholische, evangelische und leider auch jüdische, die ihnen günstig scheinende Gelegenheit ergriffen, um aberwitzige Anschuldigungen, von den verkehrtesten Begriffen ausgehend, über ihre versammelten Heerden auszugießen, die selbstverständlich dabei stille halten mußten. Als die Ursachen des Unwetters, welches jetzt über die Länder braust und so vieles friedliche Glück wie Röhricht zerbricht, wurde die Sündhaftigkeit der Menschen und das Unwetter selbst als das Strafgericht Gottes mit den schwärzesten Farben geschildert. Bei den Katholiken war es die Widersetzlichkeit gegen die Unfehlbarkeit des Papstes, der Ungehorsam gegen den Stuhl Petri, die Lässigkeit im Besuche der Messe, das Nichttragen des Skapuliers rc. rc., bei den Protestanten der Mangel an Gläubigkeit für die kirchlichen Dogmen, an Kirchen- und Convenrrkel-Besuch, die Leugnung des 32*