Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1870)
- Date
- 1870-08-09
- Page
- Seite 634 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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634 unterstützen, was im Auslande ein Kind kosten wird, aber es ist ganz natürlich, daß diejenigen, welche dazu so viel Geld hergeben, die Erziehung ihrer Schützlinge selbst überwachen und von dem Resultate derselben sich mit eigenen Augen überzeugen wollen. Mit Vergnügen benutze ich hier die Gelegenheit, im Namen aller Kowno'schen armen Schüler und sonstigen Armen, welche Unterstützungen erhielten, unsern edeln Glaubensgenosien in Berlin und Frankfurt a. M. den innigsten Dank auszusprechen. Die Letztern bestimmten von den 2000 Thalern, welche sie zuletzt schickten, 800 Thaler ausschließlich für arme Schüler. Wie wir das Geld vertheilt, werden sie bald aus den Berichten ersehen; wenn sie aber auch mit eigenen Augen sehen könnten, wie viel halb nackt und ausgehungerte Schüler der jüdischen Krons-Volksschulen durch die Gaben wie neu belebt wurden und daß mehrere Gymnasiasten durch die erhaltene Unterstützung jetzt «nach Einzahlung der ersten Schulgelder, Anschaffung der Uniform und Bücher, und Versetzung in eine höhere Claffe) Kronsstipendien erhalten und einer sichern Zukunft entgegengehen: wahrlich dieses wäre für sie die größte und gewiß auch die angenehmste Belohnung. — In Kowno ist nämlich der Andrang zu den Krvnsschulen ein bedeutender. Wir zählen hier an 300 jüdische Schüler der Volksschulen und an 100 jüdische Gymnasiasten. Die letztern müssen 30 Rubel jährlich Schulgelder zahlen und mit einer verhältnißmäßig kostspieligen Uniform versehen sein. Da aber sehr viele ganz arm sind, so haben sich mehrere Freunde der Bildung in Kowno vereinigt, dieselben mit circa 300 Rubeln jährlich zu unterstützen, was aber noch lange nicht ausreicht. Jetzt drohet den Gymnasiasten etwas ganz Neues. Nach dem Gesetze darf nämlich in einer Claffe des Gymnasiums die Zahl der Schüler nicht 40 übersteigen; bis jetzt wurde dieses nicht berücksichtigt, und befanden sich in den ersten 2—3 Elasten 60 — 90 Schüler. Nun aber gelangte die Schulobrigkeit zu der Ueberzeugung, daß die Ueberfüllung der Elasten das gehörige Ueberwachen der Fortschritte erschwere oder gar unmöglich mache, und hat daher beschlossen die Schüler in jeder Claffe auf die gesetzliche Zahl zu reduciren. Um nun diese Reduction zu vermeiden, hat die Kowno'sche jüdische Gemeinde die Proposition gemacht, daß man eine auf Kosten der Gemeinde bestehende jüdische Volksschule schließe und das dazu bestimmte Capital (über 1000 Rubel jährlich, vielleicht auch noch eine gewisse Summe von der Fleischsteuer) zur Eröffnung einer Abtheilung für die ersten 2—3 Claffen des Gymnasiums verwende. Die Schulobrigkeit hier ist damit einverstanden, indeß hängt dieses noch von Umständen ab, deren Gestaltung nicht vorauszusehen ist. Ich wiederhole meine Bitte, diesen Brief sobald als möglich in Ihre so geschätzte Zeitung gütigst aufzunehmen und verbleibe mit der aufrichtigsten Hochachtung Ihr ganz ergebener H. Schapir. P. S. Während ich dieses niedergeschrieben, erhielten wir die Nachricht von der Kriegserklärung Frankreichs — dieser Brief kömmt daher ungelegen, zu einer Zeit, wo die Gemüther aufgeregt und gespannt und wo jeder Menschenfreund es tief vom Herzen bedauert, daß die Blüthe der Jugend Deutschlands und Frankreichs abermals dem Kugelregen und den Bajonetten ausgesetzt werden. Der Himmel aber möge die dortige Jugend in Schutz nehmen und es ihr vergelten, was ihre Aeltern, Verwandten und Landsleute für die hiesige arme Jugend gethan haben und noch thun werden. D. O. Zeitungsuachrichtcu. Deutschland. Leipzig, im Juli. «Privatmitth.) Ein Gang durch eine der Hauptstraßen Leipzigs, die „Grimmaische Straße" genannt, genügt, um uns von dem frommen Zartgefühl zu überzeugen, welches in jüdischen Herzen sich für die Verherrlichung des Gottesdienstes regt, und von der Opferfähigkeit, durch welche einzelne Israeliten, wie auch ganze isr. Gemeinden, diese Gefühle zum Ausdrucke bringen. Hier gewahren wir nämlich unter den zahlreichen Fahnen, Bannern, Bespermänteln und sonstigen kirchlichen Ornamenten, welche in dem weltberühmten Hietel'schen Etablissement nach Amerika und den entferntesten Ländern Europas angefertigt werden, eine bedeutende Anzahl von Vorhängen und sonstigem Synagogenschmuck, wie sie nur der bedeutendste gediegenste Kunstaufwand zu bieten vermag. War es doch dieses Etablissement, welches dem Judenthum so viel Jntereffe zeigte, daß es einen Vorhang (ro-is) für die letzte Pariser Weltausstellung stickte, und diesen mit einer solchen Pracht