Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1870)
- Date
- 1870-08-09
- Page
- Seite 633 (sequence 9)
- Language
- German
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633 nie durch Auswanderung und Uebersiedelung allein erreicht werden; denn während man hundert Familien mit einem Aufwande von 10 -15000 Thalern fortführt, werden hier tausend ganz unreife und arme Knaben zur Trauung geführt und bilden nach wenigen Jahren ganz neue tausend unglückliche Familien. Es hieße daher ein Schiff, welches ein Leck bekommen und in welches das Waffer eimerweise eindringt, glasweise ausschöpfen wollen. — Außer gewiffen Einschränkungen ist die Hauptursache des unser abeln Zustandes der hiesigen Judenschaft geistige Versumpfung und Vorurtheile. Es muß daher gegen die Krankheit und nicht blos gegen deren Symptome eingewirkt werden, umsomehr da die angeführten Uebel die Auswanderer auch nach ihrer neuen Heimath begleiten und auch dort den Erfolg erschweren, und während unsern Vorfahren, welche aus Aegypten zogen, abwechselnd mit der Nebelsäule am Tage, eine Feuersäule in der Nacht vorleuchtete, werden leider die hiesigen Auswanderer Tag und Nacht meist nur von zwei Nebelsäulen (Ignoranz und Vorurtheilen) begleitet, so daß selbst der so gesunde amerikanische Staatsmagen wohl schwerlich die rohe Speise in größerer Quantität verdauen wird. — Das einzige von uns abhängige Drittel zur Verbesierung des Zustandes unserer hiesigen Glaubensgenoffen ist und bleibt daher, Bildung der Jugend, und wenn auch blos eine elementare, — denn häufig ist nur der erste Impuls nöthig — dadurch wird dieselbe von doppelt schweren Banden befreit, von denen der Ignoranz und der frühzeitigen Berheirathung. Seit mehr als 10 Jahren Ehrenaufseher der Kowno'schen jüd. Kronsschulen, hatte ich schon oft die Freude zu sehen, wie ganz arme und verwahrloste jüdische Knaben, welche blos zur ersten, höchstens auch zur zweiten Claffe des Gymnasiums dürftig unterstützt wurden, nachher, mit Hülfe von Stundengeben und Kronsstipendien sich selbst durchkampften, sogar einen Universitätscursus beendigten und jetzt mit Ehren dem Staate und ihren Mitmenschen dienen. Aber nicht blos solche, sondern selbst die niedrigsten Schüler üben in einem gewiffen Grade einen aufmunternden und civilifirenden Einfluß auf ihre Umgebung aus. Verbreitet doch in finsterer Nacht selbst ein Johanniswürmchen einiges Licht. — Die Tragweite einer, selbst theilweisen Ausbildung der Jugend ist daher eine unberechenbare und erinnert an (ich glaube) Lafayette, welcher einem Armen Geld geborgt mit der Bedingung, einst wenn er dazu im Stande sein würde, dieses Geld einem andern Armen mit derselben Bedingung zu borgen, damit mit wenigem Gelde viel Gutes gethan werde. Freilich ist dieser Weg ein mxpi nm-iN, während die Auswanderung eine itsnxi msp ist; wenn aber die ganze hiesige Fortschrittspartei die Sache gehörig in die Hand nimmt, so wird zweifelsohne unsere humane Regierung auch ihrerseits das Nöthige dazu thun, die Ausführung zu erleichtern und den Weg bedeutend abzukürzen. Ja die hiesigen jüdischen Verhältnisse gleichen einer Feuersbrunst; von dem in Flammen stehenden Gebäude rette man was noch rettbar ist, hauptsächlich aber sorge man dafür, daß das Feuer nicht mehr um sich greife und auch die benachbarten Gebäude (hier die jüngere Generation), verzehre. — Nun wissen wir zwar, daß die ^.Uiunee isrurMe die jüdischen Gemeinden des Auslandes aufgefordert hat, eine gewiffe Anzahl Waisenkinder aus den westrussichen Gouvernements zur Erziehung und Ausbildung aufzunehmen; unstreitig wird die Zukunft solcher Kinder eine vollkommen befriedigende fein, so daß so manches arme Kind, welches aber keine Waise ist, vielleicht in die Versuchung kommen wird, den Waisenstand geradezu herbei-;u wünschen. Jndeß mit Ausnahme dieser Waisenkinder würde hier Alles beim Alten bleiben, da die im Auslande Erzogenen schwerlich hierher zurückkehren werden; auch würden sie, der Landessprache unkundig, nicht so leicht hier Carrwre machen und einen civilifirenden Einfluß ausüben können. Es wäre daher nöthig. um diese große Wohlthat zu vervollständigen, 1) daß man solche Kinder nur in größern Städten in einer Zahl von 30—40 erziehe, wobei die kleinern jüdischen Gemeinden durch Geldbeiträge sich betheiligen könnten; 2) daß man für je eine solche Anzahl Kinder einen Zögling der hiesigen Rabbinerschulen anstelle, damit er sie im Russischen unterrichte und sich selbst dabei ausbilde, und 3, daß man nach Möglichkeit dafür sorge, daß die Kinder sowohl als ihr russischer Lehrer später hierher zurückkehren, um die genossene Bildung in weitern Kreisen zu verpflanzen. — Freilich ist es sehr traurig und peinlich; die Opferwilligkeit und die Hochherzigkeit unserer edeln ausländischen Glaubensgenoffen in einem solchen Maße in Anspruch zu nehmen, aber was ist zu machen? Ich habe bereits in dieser Angelegenheit darauf hingewiesen, daß unser Gebet „bina 22221 cr-o" so ziemlich in Erfüllung ging, allein in der Weise getheilt, daß uns hier die vielen Kinder und denen im Auslände das viele Geld zu Theil wurde. — Zwar könnte man hier 3—4 Kinder mit dem 32