Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1870)
- Date
- 1870-08-09
- Page
- Seite 628 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die industriellen und commerciellen Etablissements arbeiten nur mit sehr großen Capitalien, welche zum größten Theile der Credit herbeischaffen muß. Sobald daher der Credit eine allgemeine Erschütterung erleidet, so stehen jene ohne Hülfsmirtel da, und gerathen in eine um so größere Verwirrung, da sofort die Capitalien aus ihnen zurückgezogen werden. Ursache und Wirkung identificiren sich, denn mit dem Sinken der industriellen Action und der Wechsel wird das Sinken des Credits vergrößert. Die andere Ursache ist eben die Bestimmung des größten Theils unserer Industrie, nicht für das Bedürfniß, sondern für den Luxus. Tritt nun jene Erschütterung ein, vermindert sich der Besitzstand durch die Verminderung des Capitalwerthes, werden die Ertrage unsicher: so schränkt Jedermann seinen Luxus ein und kehrt zum unentbehrlichen Bedürfniß zurück. Dies sieht der Geschäftsmann voraus oder setzt es voraus, und der Handel hört augenblicklich auf. Der Detaillist zieht seine Bestellungen beim Grossisten, dieser beim Fabricanten zurück, weist die bestellten Waaren ab, und die Calamität ist allgemein. Es versteht sich, daß die Speculation, sowohl die solide, als die unsolide, erlahmt. Dies ist das Bild, welches unsere materielle Welt in diesem Augenblicke darbietet. Es ist wahrhaft erdrückend, denn alle Stände der Gesellschaft, alle Arten von Besitz und Erwerb bis auf den Tagelöhner leiden unter den Wirkungen. Es ist wahr, die Gesellschaft erholt sich im Allgemeinen auch hiervon, wenn auch unzählige Familien dauernd von den Wirkungen betroffen bleiben. Aber wie lange dieser Zustand dauern und wie lange es währen werde, bis die Wunden allmälig sich schließen, das hängt von der Dauer des Krieges, von seinen Erfolgen und von der Sicherheit des Friedens ab, der geschloffen werden wird. Bleiben die politischen Berhältnisie nach diesem schwankend, immer zu neuen Conflicten geeignet, so wird die Befferung lange anstehen und nur sehr allmälig fortschreiten. Dian hat öfter die Hoffnung ausgesprochen, daß die Solidarität der materiellen Interessen aller Nationen dahin führen werde, den Krieg unmöglich zu machen. Die Völker würden gezwungen sein. Jeden, der einen Krieg Hervorrufen will, gemeinsam zur Ruhe zu bringen und zu einer friedlichen Ausgleichung zu nöthigen. Der eben ausgebrochene Krieg scheint abermals diese Erwartung getäuscht zu haben, und die Gleichgültigkeit, mit welcher gerade das industriellste Volk, die Engländer, ihm zusieht, möchte um so mehr als Gegenbeweis dienen können. Dennoch sagen wir, es scheint nur so, und wir wiederholen unser Wort von 1866 (Weltbew. Fragen 1 S. 337): „Die Nationen müffen erst bittere Erfahrungen, wiederholt die furchtbarsten Erfahrungen machen, bevor ein Princip durchdringt und die concrete Gestaltung annimmt. Die Völker muffen es erst gekostet haben, welch' ein Unheil ein Krieg über alle Länder, auch in den Staaten, die gar nicht an jenem betheiligt sind, ausgießt, sie müffen den ungeheuren Verlust an Vermögen, die Stockung der Industrie, den gänzlichen Verfall des Handels, die Arbeitslosigkeit und das hieraus folgende Elend und die daran sich knüpfenden Erschütterungen durchgemacht haben, bevor sich daraus eine unabweisliche Nothwendigkeit entwickelt, jeden Krieg mit vereinten Kräften abzuwehren. Dahin aber wird und muß es kommen?' Das rnolaisch-talmMsche Kriegsrechl. ii. Sehen wir nun, bevor wir weiter gehen, uns in der wirklichen Geschichte Israels um, ob der mosaische Grundsatz: außer der Einnahme*) Kanaans innerhalb bestimmter geographischer Grenzen keinen Eroberungskrieg, nur Vertheidigung, und zwar mit der gesammten Volkskraft — auch realisirt worden ist. Nachdem im Buche Josua die Einnahme Kanaans beschrieben und im ersten Capitel des Buches der Richter recapitulirt worden, giebt uns dieses, sowie das erste Buch Samuelis Berichte über Kriege, welche lediglich als Vertheidigungskriege anzusehen sind, und selbst die Fortschritte, die das Volk im weiteren Zurückvrängen der kanaanitischen Stämme machte, ergeben sich nicht aus aggressiven Bewegungen, sondern aus der siegreichen Abwehr. Israel wurde wahrend der Richterperiode bald von diesem bald von jenem benachbarten Volke angefallen, bald ganz bald theilweise tributär gemacht und bedrückt. Hiergegen erhob es sich dann und schüttelte unter einem tapferen Führer das Joch ab. Nichts anderes bedeutet der Sieg Othniels gegen einen aramäischen Fürsten, Ehuds gegen Moab (Richter 3), die Niederlage der Nordkanaaviter durch Deborah und Barak (4), Midjans und seiner Bundesgenossen durch Gideon (7), der Ammoniter durch Jephtha (11), sowie die mit Simson beginnenden Kämpfe gegen