Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1870)
- Date
- 1870-08-09
- Page
- Seite 627 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226777--28623-3302469- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
627 der Ausgang sein möge, die Verwickelungen werden immer größer, die Aussichten in die Zukunft dunkler. Und dabei haben wir sogar außer Acht gelasien, daß der Zwischenfall eintreten könne, Dänemark möchte, auf die französische Flotte mit einem bedeutenden Landungsheere gestützt, seine Neutralität brechen und dadurch alsbald die Neutralität Rußlands in Frage stellen. Kurz, das alte Wort: Blutige Saat bringt blutige Ernte, will wieder einmal zur Wahrheit werden! Die ersten Kriege in den sünfziger Jahren führten die folgenden in den sechsziger Jahren herbei, und diese wiederum stürzten das begonnene siebente Jahrzehend unseres Jahrhunderts mitten in einen Völkerkrieg hinein, dessen rollende Donner dunklen Gewitterwolken von allen Seiten begegnen. Hier genügt es nicht, daß die sittliche Entrüstung, daß die Flüche der Millionen Betroffener sich auf das Haupt entladen, aus welchem die Gedankenkeime dieser furchtbaren Erschütterungen der civilisirten Welt entsprangen, und die Hand verwünschen, welche zuerst wieder das Schwert gezogen. Der wirkliche Kampf der physischen und geistigen Gewalten ist ausgebrochen, und in diesem hat das sittliche Moment zwar immer ein großes, aber kein entscheidendes Gewicht. Die zweite Gefahr liegt auf einer anderen Seite, in dem Aufbau unserer ganzen materiellen Welt, in unseren industriellen und finanziellen Verhältnissen. Nicht der Krieg selbst, sondern schon die Kriegsdrohung und die Kriegserklärung kostete dem Besitzthum und Erwerb der civilisirten Welt einen großen Procentsatz an seinem Stande. Sämmtliche Werthpapiere fielen um 20 bis 40 Procent; der Handel gerieth sofort in eine allgemeine Stockung, das Fabrikwesen in plötzlichen Stillstand; der ganze Credit sank auf Null, und somit war Zahllosen jede Aushülfe verschlosien. Der Verlust an Besitz war unermeßlich; der Werth des übrig bleibenden Besitzes wenigstens zeitweise ungemein gesunken; Biele mußten und müsien zum Opfer fallen; die sich Aufrechterhaltenden haben zu diesem Zwecke die schwersten Opfer zu bringen, die größten Verluste zu tragen; der Erwerb steht im großen Ganzen still, und unzählige Arbeiter werden beschäftigungslos. Woher diese fast unerträgliche Calamität, die durch die Opfer, welche der Krieg selbst in den ungeheuren Dimensionen, in welchen er jetzt geführt wird, kostet, nicht bewirkt wird? Es ist nicht das erste Mal, daß wir vor einer derartigen Erscheinung stehen, daß wir darüber zu sprechen hatten lvgl. unsere „Weltbewegende Fragen" Bd. I S. 133 ff.) Die Antwort ist: daß ein riesiges Creditwesen geschaffen worden, in welches alles Besitzthum aufgeht, und auf welchem alle Industrie beruht; ein solches Creditwesen ist im höchsten Grade reizbar, und bei dem ersten Eintritt einer allgemeinen Unsicherheit muß es in eine solche allgemeine Lähmung, in ein wahres Chaos gerathen. In früherer Zeit, wenn Jemand Etwas über seinen Bedarf erworben, legte er es in Hypotheken an oder lieh es persönlichen Schuldnern aus, die ihm mehr oder weniger Garantie gewährten. Er konnte hierbei wohl auch in Verlust gerathen, aber die politischen Ereignisse hatten darauf nur einen geringen Einfluß, und jedenfalls nur einen sehr beschränkten. Auch in der mercantilischen Welt war der Credit ein ganz persönlicher, und richtete sich viel strenger nach dem Besitz und der Solidität des Debitors. In unserer Zeit ist aber eine unermeßliche Menge von Werthzeichen geschaffen worden, welche theils die Schulden der Staaten repräsentiren, theils die in großen und kleinen industriellen Anlagen vorhandenen Werthe vertreten. Wer nun etwas erwirbt, legt es in solchen Werthzeichen an. Der wesentlichste Unterschied besteht hierbei darin, daß in früherer Zeit des materielle Capital mit dem factischen einerlei war und immer dasselbe blieb, während gegenwärtig der Capitalwerth stets von dem Ertrage, noch mehr von rer Sicherheit dieses Ertrages abhängt, und deshalb immerwahrender Schwankung unterworfen ist. Das Capital wird entweder niemals oder doch in einer später« Zeit zurückgezahlt, oder hängt in seinem Werthe so von der Thätigkeit des Etablissements ab, daß es mit dem Aufhören der letzteren ganz oder theilweise verloren ist. Dieser Zustand bringt es mit sich, daß der Capitalwerth bei jedem großen politischen Ereigniß oder bei jeder industriellen Stockung enorm sinkt. Und zwar geschieht dies mit allen Werthzeichen zugleich, weil sofort ein so großer Andrang von Verkäufern eintritt und ein solcher Mangel von Käufern, daß alle Werthpapiere, auch die sichersten, dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden. Auf diese Weise hat der Besitzstand jede Sicherheit verloren, weil er eben in ein Schuldenwesen aufgegangen, das für den Capitalwerth an sich gar keine Festigkeit bietet, sondern nur in den Schwankungen des Ertrages seinen Maßstab findet. — Hierzu tritt nun die Leichtigkeit, mit welcher die Industrie einer allgemeinen Stockung anheimfallt. Sie hat ihren Grund theils in diesen Creditkrisen, theils in der hauptsächlichen Bestimmung unserer Production. 32*