Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-08-09 · Heft 32 (9.8.1870) · p. Seite 626

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 32 (9.8.1870)
Date
1870-08-09
Page
Seite 626 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226744-3226777--28622-3302468
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

626 groß daher auch von Zeit zu Zeit der Aufschwung des französischen Volkes für die Ideen der Freiheit war, nach kurzer Zeit ließ sie sich die Früchte wieder rauben; die Constitution von 1790, die verbesserte Charte von 1830, die Verfassung von 1848, sie alle gingen durch den Terrorismus, Despotismus und die Corruption wieder verloren. Aber die Gedanken der Obherrschaft in der politischen Welt verblieben ihr von Geschlecht zu Geschlecht, und sie ertrug um die Erfolge in dieser jeden inneren Druck, jede innere Gewaltthätigkeit. Napoleon III. wußte dies, und rief deshalb den Krieg wieder aus. Der Krim- und italienische Krieg schienen Frankreich das Uebergewicht wieder zu verschaffen und deshalb blieb seine Herrschaft fest. Die mexicanische Expedition, der dänische Krieg 1864 und die Ersolge Preußens 1866, so wie die nahe bevorstehende Einigung des ganzen Deutschlands zerstörten die ftanzösische Suprematie, oder schwächten sie doch in großem Maße, und deshalb griff der französische Cäsar abermals zum Schwerte, theils weil er für seine Persönlichkeit jenen allgewaltigen Einfluß nicht entbehren will, theils weil er den Sturz seiner Dynastie voraussah, wenn er das ftanzösische Prestige aufgegeben. Schon an und für sich wäre dieses unverlöschliche Streben des französischen Volkes nach entschiedenem Uebergewicht eine bleibende Gefahr für den europäischen Frieden, die aber stets beschränkt bliebe, so lange die übrigen europäischen Mächte sich zu einer Coalition dagegen vereinigen könnten. Aber das ist das Unglück, daß diese sich sämmtlich in gespannten Verhältnissen befinden. Rußland fühlt sich noch von dem Pariser Vertrage von 1856 gefesselt und ist im Innern im Kampfe mit den Nationalitäten begriffen, die sich nicht russificiren wollen. Oesterreich hat seine alte Präponderanz in Deutschland verloren, ist mit seinen deutschen Besitzungen von Deutschland ausgeschlossen, und hat in seiner alten Rivalität mit Preußen den Kürzeren gezogen. Nun noch dazu seiner italienischen Besitzungen beraubt und in seiner inneren Organisation noch ohne sichtbares Ziel und Ende, in seiner slavischen Bevölkerung durch Hinneigung zu Rußland bedroht, welch ein gespanntes Verhältniß nach allen Seiten hin! Italien, von der einen Seite noch in Abhängigkeit von Frankreich, von der anderen mit dem Bedürfniß nach Rom und dem Reste des Kirchenstaats, lüstern nach Wälschtyrol und Triest. Hierzu noch die orientalische Frage, das Verhältniß der Türkei zu Aegypten, das durchwühlte und entartete Rumänien mit seinem Streben nach Unabhängigkeit und Bedeutung, Dänemark mit seinem Verlangen nach den Herzogthümern, wenigstens Schleswig, Spanien mit seiner inneren Zerrüttung. So befindet sich Alles in einer außergewöhnlichen Spannung, und das beste Zeugniß hiervon giebt wohl die starke Rüstung jener kleinen neutralen Staaten, Schweiz, Belgien und Holland (Luxemburg), welche eben in dem entsponnenen großen Kampfe für ihre Neutralität besorgt sind und eintreten wollen. Eine Ausnahme hiervon macht nur England, welches außer mercantilischen Interessen auf dem Continente nichts zu verlieren und nichts zu erlangen hat. In diesem Bewußtsein und sich in den Grundsatz der Nichteinmischung zurückziehend, vergißt es, daß ein entscheidendes Wort seinerseits, daß seine Allianz auf Seiten des Angegriffenen den Angreifer wahrscheinlich zurückschrecken und zu einer ftiedlichen Lösung nöthigen könnte. Aber seit langer Zeit in seiner Politik engherzig und indolent, will es seine Macht höchstens gegen die Verletzung der von ihm garantirten Neutralitäten einsetzen, und beschränkt hierauf seinen politischen Einfluß. Inmitten so hoch gespannter Verhältnisse liegt die Gefahr eines allgemeinen Kriegsbrandes sehr nahe, so daß es nur auf die nächsten Erfolge des zwischen Frankreich und Deutschland ausgebrochenen Kampfes ankäme, um jenen zu entzünden. Würden die ersten Schlachten ohne Entscheidung ausfallen, so ließen die Mächte sicherlich ihre Friedensvermittelungen wieder eintreten, und es könnte ein Frieden im Status guo ante geschlossen werden — Vielen ersehnt, aber doch nur ein Waffenstillstand , bis die Umstände sich etwas anders gestaltet hätten. Würden die Waffen dessen, der den Krieg in so frivoler Weise heraufbeschworen, siegreich sein, so würde sofort Rußland in die Action für Deutschland eintreten, und es früge sich, ob dann Oesterreich seine Neutralität aufrecht erhalten könnte, Italien dies thun würde. Frankreich würde seinem alten Gelüste nach Belgien nachgeben, und England in den Kampf hineingezogen werden. Würde die gerechte Sache Deutschlands siegen, so fragt es sich, mit welchem Auge die anderen Mächte die großen Erfolge Deutschlands ansehen und welche Stellung sie dazu nehmen würden. Ein etwaiges Verlangen nach dem Elsaß und Lothringen, um der ftanzösischen Suprematie ein für alle Mal die nöthigen Schranken zu setzen, würde Rußland wegen seiner Ostseeprovinzen fürchten machen, und Italien und Holland für ihre Unabhängigkeit zittern. Man sieht, wie auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.