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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-08-02 · Heft 31 (2.8.1870) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 31 (2.8.1870)
Date
1870-08-02
Page
Seite 623 (sequence 15)
Language
German
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daS Eindringen der römischen Kriegermafsen in das Innere des Tempels ohne, ja wider den Willen und Befehl des Titus in der von Josephus beschriebenen Weise nach Dio Cassius eine Fabel ist, indem jene durch diesen erst gezwungen werden mußten, vas Innere überhaupt zu überschreiten. Aber es giebt auch eine dem Josephus entgegengesetzte Berichterstattung, nämlich vom Sulpicius Severus. Dieser verfaßte seine Chronik in den ersten Jahren des 5. Jahrhunderts, in einer Zeit, wo in seinem Baterlande Aquitanien viel wissenschaftliche Bildung herrschte. Sie giebt die biblische und nachbiblische Geschichte in Verbindung mit der profanen in einfachem, historischem Tone, ohne Kritik zu üben, aber auch ohne Mystik, Allegorie und Dogma, mit der ausgesprochenen Absicht, die Unkundigen in anziehender Weise mit dieser Geschichte bekannt zu machen und ihnen Lust nach den Quellen einzuflößen. Dabei besitzt Sulpicius einen klassischen Styl, der zwar nicht mehr Original ist, aber doch den besten Mustern die Feinheiten ohne knechtische Nachahmung abgelauscht hat. Sulpicius führt uns nun ebenfalls in das Feldherrvzelt des Titus, und berichtet über den daselbst gehaltenen Kriegsrath mit folgenden Worten (II, 30, 6.»: „Es wird erzählt, Titus habe vorher einen Kriegsrath berufen und berathschlagt, ob er ein solches Bauwerk, wie der Tempel sei, zerstören solle. Emige nämlich meinten, man dürfe ein geweihtes Gotteshaus, das alles Menschenwerk überstrahle, nicht vernichten, da seine Erhaltung zu einem Zeugniß römischer Milde, seine Verwüstung zu einem unauslöschlichen Makel der Grausamkeit gereichen müffe. Andere dagegen und Titus selbst stimmten dahin, gerade den Tempel müffe man vornehmlich zerstören, damit der Juden und der Christen Glaube vollständiger ausgerottet werde. Denn diese Glaubensarten, obzwar einander gegenüberstehend, seien doch von denselben Urhebern ausgegangen; die Christen feien aus den Juden entstanden; sei erst die Wurzel fortgeschafft, so werde auch der Stamm leicht zu Grunde gehen. Solcherweise ward, nachdem auf göttlichen Wink alle Gemüther sich entflammt hatten, der Tempel zerstört im dreihundert ein und dreißigsten Jahre vor dem jetzt laufenden." Wir haben also hier die entgegengesetzte Angabe, wobei bemerkt werden muß, daß Prof. Bernays mit vieler Sachkenntniß und großem Scharfsinn selbst aus den Ausdrücken des Sulpicius nachgewiesen hat, dieser habe seinen Bericht dem Tacitus aus dem verloren gegangenen Theile von dessen Historien entlehnt, wodurch sein Bericht eine viel größere Autorität erlangt. Bernays zieht nun folgende Consequenzen (S. 59): „Ueber einen römischen Kriegsrath liegen zwei Berichte vor, welche den Inhalt der zur Verhandlung gekommenen Ansichten ohne wesentliche Abweichung angeben, sich aber schnurstracks widersprechen in den Angaben über die Vertreter dieser Ansichten und über den endgültig gefaßten Beschluß. Der eine Bericht, nach welchem Cäsar Titus die Schonung des jüdischen Tempels befürwortet und durchgesetzt hätte, die trotzdem eingetretene Verwüstung aus einem Zufall entstanden wäre, ward unter Titus Augen von seinem ergebenen Schützling Josephus zu einer Zeit redigirt, als der Kaiser für einen milden Charakter galt und gelten wollte. Der andere Bericht ward verfaßt, als nicht bloß Titus gestorben, sondern auch seine Dynastie erloschen war; er läßt den Zufall aus dem Spiele und sieht in der schließlichen Zerstörung die Ausführung eines Beschluffes, welchen Titus als Leiter des Kriegsraths aus gewichtigen Gründen der inneren Reichspolitik empfohlen hatte. Der Urheber dieses anderen Berichtes ist Tacitus, d. h. ein Geschichtschreiber, der nach Zeitverhältnissen und gesellschaftlicher Stellung in der Lage war, über die Vorgänge im Kriegsrath sich mittelbar oder unmittelbar von unabhängigen Mitgliedern des römischen Generalstabes unterrichten zu lassen. — Man dars wohl wie der alte Scaurus (Asc. inScaur. p.22 Or.) fragen: Wem glaubt Ihr, Quiriten? Glaubt man nun aber hinsichtlich der Katastrophe dem durch Severus aufbewahrten Bericht des Tacitus, so müssen auch hinsichtlich der Aufforderung zum Frieden und zur Ergebung, welche nach Josephus Erzählung (Veil. V, 9, 2; VI, 2, 3; VI, 6, 2) während der Belagerung die Römer an die Juden zu richten nicht müde wurden, schwere Bedenken aufsteigen, wenn man bei Severus das gerade Gegentheil gesagt findet, daß nämlich die Belagerten „weder zu einem friedlichen Abkommen noch zur Uebergabe zugelassen worden" und daher eine Hungersnoth ausgebrochen sei, welche nun noch düsterer als bei Josephus in einer Weise geschildert wird, die unwillkürlich an Tacitus Pinsel erinnert. Gewiß spricht hier die Analogie des römischen Kriegsbrauchs gegen die von Josephus gepriesene Milde; die früheren Kaiser so wenig wie der republicanische Senat pflegten Rebellen zum Pacisciren aufzufordern; und es wäre für die Flavier wahrlich ein glanzloser Regierungsantritt geworden, wenn sie statt Münzen mit der Trauergestalt der „gefangenen Judäa" schlagen zu können, von Jerusalem hätten abziehen müssen wie Mancinus von Numantia. Ist daher wirklich Josephus so oft wie er angiebt als Parlamentär an die Belagerten abgesandt worden, so mag dies zu augenblicklichen strategischen Zwecken geschehen, und die angebotenen Bedingungen werden der Art gewesen sein, daß man ihre Zurückweisung von vornherein voraussah; oder auch, man war entschlossen, sich eintretenden Falles über dieselben ebenso hinwegzusetzen, wie Vespasianus sein den Gefangenen von Tarichäa gegebenes Wort mit einer treulosen Härte gebrochen hat, welche selbst Josephus nicht zu bemänteln vermag und daher möglichst rasch erzählt. (Bell. III, 10, 10.) Tacitus nun aber und der ihm folgende Severus hatten keine Aufforderung, die Gutmüthigkeit der flavischen Dynastie herauszustreichen; sie lassen daher die Friedensanträge als unwesentliche außer Acht und geben den leitenden Gedanken der römischen Kriegführung dahin an, daß ein friedlicher Ausgang

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