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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-08-02 · Heft 31 (2.8.1870) · p. Seite 624

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 31 (2.8.1870)
Date
1870-08-02
Page
Seite 624 (sequence 16)
Language
German
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624 unmöglich geworden und vernichtende Unterwerfung daS alleinige Ziel war, welches in vorwiegender Rücksicht auf die religiösen und socialen Bewegungen im Innern des gesammten Reiches man von Anfang an sich gesteckt hatte. Dieser allgemeinen Rücksicht, welche für Pompejus, den ersten römischen Eroberer Jerusalems, bei der damaligen Ungefährlichkeit der jüdischen Diaspora noch nicht bestanden hatte, glaubten die Flavier den persönlichen Ruhm und Bortheil opfern zu müsien, der aus der Schonung und dem Besitz einer Stadt wie Jerusalem ihnen erwachsen wäre. Denn auch die stärkste Besatzung hatte die Ruhe nur im nächsten Umkreise zu sichern vermocht; aber da über Italien und die meisten Provinzen hin Juden wie Christen verbreitet waren und Beide, wie man meinte, in Jerusalem ihre religiöse „Wurzel" ehrten, so fürchtete man, das bloße Dasein der Tempelstadt und des Tempels werde wie eine Sturmfahne unaufhörlichen Aufruhrs wirken. Um die Provinzen vor Ruhestörungen zu bewahren, verhängte daher das Kaiserthum, trotz der veränderten militärischen Verhältniffe, über Jerusalem dasselbe Schicksal, welches Karthago und Korinth von der Republik erfahren hatten. Unbekannt war dieser Gesichtspunkt auch dem Josephus nicht; das zeigen die Worte, welche er seine Minorität im Kriegsrath sprechen läßt, „man werde von allen Orten her sich um den Tempel schaaren" (oben S. 50). Aber das anschauliche Berständniß dieser kurzen Andeutung und die Erkenntniß gewonnen zu haben, daß nicht die Minorität, sondern die von Titus geleitete Majorität jenen Gesichtspunkt gefaßt und demgemäß die Zerstörung angeordnet hat «— dies ist ein Ertrag, den die Geschichtskunde nicht dem Josephus, sondern jetzt allein der Chronik des Severus und ihrer auf classische Historiker wie Tacitus zurückgreifenden Anlage verdanken muß." Soweit Bernays. Der Bericht des Sulpicius erhält demnach durch seine Taciteische Unterlage, sowie durch die Andeutungen des Dio Cafsius und Valerius Flaccus eine besondere Autorität, die durch seine Uebereinstimmung mit dem Charakter der römischen Kriegsfuhrung und des römischen Verfahrens überhaupt und mit dem des Titus ins Besondere zu einem hohen Grade der Sicherheit erhoben wird. Jetzt stimmt Alles. Die Absichten des Titus, die morgen- und abendländische Welt durch Furcht zu bändigen und jede Auflehnung gegen das flavische Regiment im Keime zu ersticken, die Zerstörung der Stadt, die Niedermetzelung der gesammten Einwohnerschaft, der barbarische Tod der Gefangenen in den Thiergefechten, sie stehen im Einklang mit dem beabsichtigten und befohlenen Brande des Tempels. Der einzige Einwand, der gegen den Sulpicius erhoben worden, nemlich die Begründung der Ansicht des Titus im Kriegsrathe aus religiösen Motiven, läßt sich leicht beseitigen. Wir können diese Motivirung dem SulpiciuS überlasten, ohne daß der objective Thatbestand in feinem Berichte zweifelhaft wird; denn allerdings können wir bei Titus vielmehr auf nationale als religiöse Momente denken, obschon allerdings auch die christliche Gemeinde bei den Römern bereits, wie die Christenverfolgungen unter Nero beweisen, genau gekannt war. Aber ebenso müsten wir ja von der Motivirung auch bei Josephus absehen, wenn wir selbst die von ihm gemeldeten Thatsachen annehmen wollen. Denn Niemand wird einem kriegführenden Feldherrn das Motiv für die Schonung eines so hartnäckig vertheidigten und zu erstürmenden Gebäudes zutrauen: Er führe gegen Menschen, nicht gegen Steine Krieg! Ueberhaupt muß man, wie bekannt, auch bei den klassischen alten Geschichtschreibern von der Motivirung absehen, da sie es lieben, die handelnden Personen auch redend und zwar in sehr ausführlicher Weife einzuführen. Die Sache liegt also ganz einfach. JosephuS erzählt uns, was mit dem weiteren Gange der Dinge im Widerspruche steht, Sulpicius, was sich damit im Einklänge befindet. Josephus schreibt tendenziös nach den Zwecken, die Titus gerade zu dieser Zeit verfolgte und unter den Augen des Titus: Sulpicius ist hiervon gänzlich frei, und spricht die Ansicht aus, die gleich nach dem Falle Jerusalems die allgemeine war. Hierauf gestützt kann man nunmehr mit Bestimmtheit annehmen, daß die Bemühung des Tims, den Tempel zu erhalten, eine vom Josephus erfundene Fabel ist, daß vielmehr den Tempel zu zerstören der vorbedachte Plan des Titus war, der also als der wirkliche Urheber dieser Zerstörung anzusehen ist. Vermischtes. Nichts ist lächerlicher als die noch immer von ben öffentlichen Blättern festgehaltene Sitte, bei jeder vorkommenden Gelegenheit die Bezeichnung eines Individuums als Jude beizufügen. Jüngst stießen in der Ostsee zwei Dampfschiffe in furchtbarem Anprall zusammen. Ein Kaufmann aus Stettin sprang in der Angst in einem ungeheuren Sprunge von einem Dampfschiff auf daS andere. In den Zeitungen las man: „Ein jüdischer Kaufmann sprang rc." Was hatte dabei das „jüdisch" zu thun? — In einem Provinzblatte las man neulich in einem Polizeiberichte: „Ein Fuhrmann und ein Jude wurden wegen Contravention verurtheilt rc." Ein witziger Kopf ließ darauf inseriren: „Anfrage eines Neugierigen. Bon welcher Confession war der „Fuhrmann" und welches Handwerk trieb der „Jude"?*) *) Es fällt uns hierbei jene Äeußerung Börne's bei, die Solidarität der Juden wäre doch ein großer Uebelstand. Wenn ein Jude in Hamburg zu Pferde steigt, so zittere er in Frankfurt a. M. Denn fiele zufällig der Jude vom Pferde, so hieße es ficherlich: Die Juden find ichlechte Reiter! Verlag von Daunigärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. D. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur H. Lotze.

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