Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1870)
- Date
- 1870-08-02
- Page
- Seite 617 (sequence 9)
- Language
- German
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617 geben. Der eigentliche Fond des Frauen-Bereins beträgt 28, 691 Fl. 33 Kr., die Einnahmen des verg. Jahres waren 7466 Fl. 79 Kr., die Ausgaben 5535 Fl. 12 Kr. Bon diesem letzteren Gelde wurden erstens an 103 Tagen 3238 Portionen Speise verabreicht. Man gründete eine isr. Volksküche nach berliner Muster, in welcher der Arme für 10 Kr. eine Portion kräftigen Essens erhält, welche der Verein selbst mit 22 Kr. bezahlt. In diesem Jahre wird der Verein die Küche in einem eigens dazu angekauften Hause eröffnen und dann die Zahl der täglich zur Vertheilung kommenden Portionen — bis jetzt nur 30 — wesentlich erhöhen. Zweitens wurden 72 regelmäßige weibliche Stipendiaten resp. Familien mit zusammen 1757 Fl. unterstützt. Drittens gab man an 305 ambulante Arme, deren Verhältnisse und Vorleben thunlichst von den Damen des Ausschusses vorher erforscht worden waren, den Betrag von 1280 Fl. Die Unterstützung von Wöchnerinnen hat nur den Betrag von 64 Fl. beansprucht, doch kam die Mehrzahl der Fälle erst nachträglich zur Kenntniß des Ausschusses, der dann die betr. Wöchnerinnen mit einer ambulanten Unterstützung bedachte. Als Beiträge zu den Rigorosentaxen für arme Hebammen wurde der Betrag von 130 Fl. 54 Kr. verausgabt, und dadurch 10 armen, zumeist verwittwcten Frauen Mittel geboten, ein ehrenhaftes Gewerbe zu ihrer und ihrer Kinder Erhaltung betreiben zu können. Mit Beihülfe der Chewra-Kadischa wurden 304 Fl. 82 Kr. zur Unterstützung solcher Waisenmädchen verwandt, die in die gleich zu besprechende Waisenanstalt nicht ausgenommen werden konnten. Sechs Mädchen läßt der Verein als Setzerinnen ausbilden. Der Verein besitzt einen besonderen Waisenhausfond von 47,125 Fl. 19 Kr., von denen 17,169 Fl. 50 Kr. in einem Hause angelegt sind. Die Einnahmen betrugen im verflossenen Jahre 8474 Fl. 87 Kr., die Ausgaben nur 4567 Fl. 47 Kr. Mit dieser geringen Summe wurden 20 Mädchen auf das reichlichste unterhalten und sorgfältig unterrichtet. Es verdiente dies wohl, den Waisenhäusern anderer großen Städte als Muster vorgehalten zu werden! Ein besonderer Fond, der bis jetzt freilich nur 2578 Fl. 32 Kr. beträgt, wird zur Ausstattung armer Waisenkinder verwendet. Wie sehr der Verein in der letzten Zeit angewachsen ist, ersehen Sie daraus, daß dessen gesammte Fonds vor drei Jahren zusammen 23,479 Fl. 55 Kr. betrugen, jetzt aber 78,394 Fl. 84 Kr.! Möge er auch frrnerhin wachsen und gedeihen, daß er seine segensreiche Thätigkeit auf immer mehr Gebiete und immer zahlreichere Personen ausdehnen könne! Lemberg, 15. Juli. (Privatmitth.) Die Unruhen der jüngsten Woche sind endlich gewichen, und die Stad hat ihr früheres friedliches Aussehen wieder angenommen. Allerdings ist hiermit die Aufregung gegen uns bei unseren Gegner nicht verschwunden, und sie suchen uns auf eine andere Weise beizukommen. Es taucht schon wieder einmal der Versuch auf, einen Verein zu Stande zu bringen, nichts mehr bei jüdischen Kaufleuten und Händlern zu kaufen und zu verkaufen. Er wird natürlich ebenso scheitern, wie die früheren Experimente derart. Im gewerlichen Verkehre entscheidet das Bedürfniß, nicht aber politische Wünsche und Ansichten. Man bedarf unser gerade ebenso sehr, wie wir der übrigen Bevölkerung bedürfen. Daß im Grunde die ganze Agitation gegen uns völlig ungerecht und ungerechtfertigt war, leuchtet jedem Vorurtheilslosen ein. Denn von den abgegebenen 700 jüdischen Sttmmen fielen an 200 dem Smolka zu; die Juden haben also weder allein den Ausschlag gegeben, noch allesammt gegen Smolka gestimmt, und es hieße jede Freiheit der Wahl völlig ausrotten, wenn man den Pöbel gegen jeden Wähler losläßt, der nicht nach dem Willen gewisser Parteiführer stimmt. Dieselben Leute würden jede Pression, welche von der Regierung auf die Wahl ausgeübt würde, mit den furchtbarsten Anklagen und Vorwürfen brandmarken; sie selbst aber sind jeden Augenblick bereit, sich der gehässigsten und gröbsten Mittel zu bedienen, um ihren Mitbürgern die Freiheit der Wahl zu rauben. Nun, wir Juden lassen uns nicht einschüchrern, haben vielmehr Veranlaffuug, unsre Gegner jener Feigheit zu zeihen, die man sonst so gern den Juden vorwirft. Frankreich. Paris, im Juli. Die Mißstände, welche eine hierarchische Verwaltung, die an eine Vertretung der Gemeinde selbst nicht gebunden ist, mit sich bringt, werden auch den französischen Juden immer fühlbarer. So bringt das jüngste Heft der Arch. isr. abermals eine Beschwerde zum öffentlichen Ausdruck. Die Langsamkeit, mit welcher der Ausbau der neuen Synagogen