Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1870)
- Date
- 1870-08-02
- Page
- Seite 618 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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618 in Paris betrieben wird, ist notorisch, und es ist nicht abzusehen, wann diese Gebäude dem Gottesdienste übergeben werden können. Unterdeß hat aber das Consistorium von Paris einen Vorbeter mit 5000 Frcs. Gehalt auf drei Jahre engagirt, ohne daß dieser.während des dreijährigen Zeitraums Gelegenheit haben wird, seine Stimme in dem Raume vernehmen zu lassen, für welchen er engagirt ist, ohne überhaupt zu fungiren. Die Gemeinde hat also eine Ausgabe von 15,000 Frcs. ohne den geringsten Nutzen. — Die Hoffnung, den Großrabbiner des Central-Eonsistoriums eintreten zu sehen, hat sich bei dem jüngsten Senatorenschub nicht verwirklicht. Der Krieg, den gegenwärtig der französische Kaiser hervorgerusen, bietet keine Veranlassung, jene Hoffnung aufzufrischen. Die Resultate dieses Krieges werden vielleicht so große Veränderungen bewirken, daß man sich eine Vorstellung von der Zukunft Frankreichs nicht zu machen vermag. Spanien. Madrid, im Juni. Die „Franks. Z." schreibt: „Gelegentlich der Besprechung jener monströsen Feier in Brüssel, wo in dem letzten Drittel unseres so bildungsstolzen und aufklärungsbewußten Jahrhunderts das Andenken an eine der größten Scheußlichkeiten mittelalterlicher Barbarei unter Betheiligung von politischen Körperschaften durch ein prunkvolles Fest wachgerufen werden soll— gelegentlich dieser Besprechung, sagen wir, ist mehrfach die Ansicht aufgetaucht, als sei der jeweilige Borwand für die nach der Hand stets in Plünderung umschlagenden Judenverfolgungen des Mittelalters, als da sind: Hostiendiebstahl, Kinderschlachten, in bestimmter Absicht erfunden und in Circulation gesetzt worden. Dies ist wohl nicht der Fall. Es handelte sich vielmehr bei solchen Anlässen um ziemlich spontane Kristallisation einer uralten, stets in derselben Form gegen andere Persönlichkeiten wiederkehrenden abergläubischen Beschuldigung. Beweise dafür werden durch die Geschichte der Hexenprocesse u. s. w. in großer Zahl erbracht. Günstiger Zufall fügt es indeß, daß die allerjüngste Vergangenheit ein Dokument zu Tage gefördert hat, welches in unwiderleglichfter Weise darthut, wie genau dieselbe Form der Beschuldigung gegen die verschiedensten Gruppen wiederkehrt. Wir meinen ein Bando, eine Bekanntmachung, welche der Civilgouverneur von Madrid, Moreno Benitez, in den letzten Wochen (im Juni 1870) erlassen hat. Der öffentliche Anschlag des spanischen Beamten wendet sich nämlich gegen drohende Zusammenrottungen, die in der Hauptstadt jener de facto Republik durch das Verschwinden eines kleinen Mädchens hervorgerufen worden sind. Als das Kind vermißt wurde, verbreiteten sich sofort die absurdesten Gerüchte unter den Volksmassen, welche — man bemerke wohl — sich diesmal nicht gegen Juden, sondern gegen — Franzosen, Freimaurer und Protestanten richteten. Man erzählte sich in der aufgeregten Volksmenge, daß Franzosen, Freimaurer und Protestanten — Menschenopfer brächten, und es fand die seltsame Mähr auch sofort starken Glauben. Die Zahl der Kinder, deren Verschwinden man erlebt haben wollte, wuchs plötzlich zur Legion. „Ihre Landsleute," schreibt ein Spanier darüber dem „Journal des Debats", „sollen sich insbesondere der Kinder bedienen, um aus chrem Blute ein Lebensverlängerungselixir zu bereiten. Aus dem Fette ihrer Opfer sollen sie ein unerträgliches Mittel gegen Phthisis fabriciren. Die Freimaurer stehen im Verdacht, die Kinder ihren wilden Gottheiten zu schlachten. Die verbreitetste Idee ist jedoch die, daß die Protestanten Kinder stehlen um sie — zu Juden zu machen." Die Aufregung in den von weniger aufgeklärten Classen der Bevölkerung bewohnten Quartteren Madrids nahm Dimensionen an, welche den Gouverneur veranlaßten, strenge Maßregeln zur Aufrechterhaltung der Ordnung zu ergreifen, da verschiedene Personen bereits Mißhandlungen erfahren hatten. „Man darf," heißt es in dem erwähnten Schreiben, „zweifellos in unseren Tagen nicht mehr ein Massacre wie die Judenmctzelei von Toledo Anfangs des sechzehnten Jahrhunderts fürchten, aber der Aberglaube ist in unserem Lande noch mächtig, und man muß energisch austreten, um den Fanatismus zu hindern in Hellen Flammen cmporzulodern." Was uns bei den Madrider Vorgängen historisch-psychologisch am interessantesten erscheint, sind die Objette, gegen die sich der durch einen zufälligen Umstand aufgeregte Aberglaube wendet. Franzosen, Freimaurer und Protestanten — der fanatische Jnstinct der ungebildeten, egoistischen Volksmasse wendet sich in erster Reihe gegen den Fremden, dann gegen den Ungläubigen und Andersgläubigen. Ohne das energische Eingreifen von Moreno Benitez hätte es in Madrid gar leicht