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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-08-02 · Heft 31 (2.8.1870) · p. Seite 615

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 31 (2.8.1870)
Date
1870-08-02
Page
Seite 615 (sequence 7)
Language
German
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615 losophie allem die Erkenntniß, der Religion den Gehorsam zu vindiciren. Der Charakter Spinoza's zeigt hierbei eine Schwäche, die sich in seinem Leben sonst nicht offenbart, wenn auch hie und da durch einige Aeußerungen in seinen Briefen sich verräth. Es ist aber immer von Wichtigkeit, einen so großartigen und lauteren Charakter ganz zu kennen, wenn auch einige Schatten dadurch sichtbar werden. Spinoza war also aus seinem Kampfe mit seinen früheren Verhältnissen nicht ohne tiefe Aufwühlung seines inneren Wesens, nicht ohne Bitterkeit und feindliche Gefühle hervorgegangen. Da aber dieser Tractat sieben Jahre vor seinem Tode erschien, also wohl ein Jahrzehend vor diesem abgefaßt worden, so kann man annehmen, daß Spinoza, der gewiß ununterbrochen an der Läuterung seines eigenen Wesens gearbeitet hat, auch diese leidenschaftliche Erregtheit überwunden, diese Schwäche allmälig beseitigt habe. Zwischen dem 35. u. 45. Lebensjahre, in welchem letzteren Spinoza starb, bleibt ein Mensch wie Spinoza auch in seinem sittlichen Charakter nicht stehen, sondern schleift ab, was ihm das Leben an Härten und Stacheln einoculirt hat. Die Sachkenntniß und der Scharfblick, mit welchen Dr. Joel gearbeitet hat, tragen hier die verdienten Früchte, einerseits durch die Ehrenrettung, die er besonders dem Maimonides bereitet hat, durch Feststellung des Sehwinkels, in welchen der Tractat Spinoza's fällt, andrerseits durch die Beleuchtung des Charakters Spinoza's, durch welche dieser uns menschlich näher gebracht ist, ohne wesentlich zu verlieren. Denn ein großer Charakter gewinnt nur dadurch, daß man den psychischen Proceß kennen lernt, den er durchmachen mußte. —. Wir erhalten soeben Catalogue de la Bibliotheque de Mr. M. Girondi, grand-rabbin a Padoue. Der Catalog zahlt in seiner 1. Abth. die Manuscripte, in der 2. die Druckwerke. Unter jenen befinden sich viele bis jetzt unedirte oder zum Theil unedirte Werke, einige von Bedeutung; die erste befaßt eine große Büchersammlung, in welcher nicht wenige selten und sogar sehr selten sind. Die Bibliothek ist so umfaffend, daß wir Einzelnes hier nicht hervorheben können. Sie wird entweder im Ganzen oder in einzelnen Partien verkauft werden; doch werden auch Bestellungen auf einzelne Werke entgegengenommen. Man kann sich deshalb an Herrn Samuel Schönblum in Lemberg wenden, welcher auch Exemplare des Catalogs auf Verlangen zustellen wird. — Herr Ignaz Reich, der Vers, des Beth-El, will ein „Jahrbuch zur Beförderung des Ackerbaues, Handwerks und der Industrie unter den Israeliten Ungarns" herausgeben. Der Gedanke ist gut, der Plan angemeffen entworfen, und es kommt nur darauf an, ob er in gediegener Weise ausgeführt werde. Dazu bedarf es nicht blos der materiellen Mittel, sondern auch geistiger Kräfte, die nicht so häufig sind und noch weniger leicht zu Gebote stehen. — Obwohl wir Predigten in d. Bl. einer Kritik nicht mehr unterziehen, so wollen wir doch nicht unterlassen, auf die soeben erschienenen: „Zeitstimmen; Reden von vr. Jellinek. Wien 1870, Herzfeld und Bauer," aufmerksam zu machen, vr. Jellinek versteht es, die in der allgemeinen wie in der jüdischen Welt zur Zeit obschwebenden Fragen aufzufaffen und vom jüdisch-homiletischen Standpuncte zu behandeln, ohne daß sie in dieser Sphäre ihre allgemeine Bedeutung verlieren. Das Specifische wird in das Reich der Allgemeinheit erhoben, ohne dadurch seines eigenthümlichen Charakters beraubt zu werden. Auf diese Weise wird das Judenthum mit dem Weltgeschichtlichen verschmolzen und seiner höheren Mission zugeführt. Wir geben hier nur den Inhalt: „Der heilige Geist," „das Priesterthum in Israel" «drei Reden), „der altjüdische Gottesglaube," „Sonne und Mond," „der Nasir," „die Vorarbeiten zur Gründung des Gottesreiches," „die drei Symbole des Passahfestes." Die Vorzüge der Jellineksschen Reden an Sprache und Form, an Benutzung des Midraschstoffes und geistreicher Anlegung sind bekannt. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 20. Juli. (Privatmitth.) Sie haben bereits bekannt gemacht, daß durch den eingetretenen Krieg die zweite Synodal-Bersammlung, die am 26. d. in München stattfinden sollte, behindert, und sie also vertagt werden mußte. Wollen Sie gef. nachträglich bemerken, daß die größte Gemeinde Bayerns, Fürth, ebenfalls den Beschluß gefaßt hatte, sich durch einen Deputirten bei der Synode vertreten zu lassen, und dies zur Anzeige gebracht hat. Auch zwei bayrische

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