Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1870)
- Date
- 1870-08-02
- Page
- Seite 611 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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611 Das Leben steht nicht still. Mitten im Kriege bleiben die Werke des Friedens zu thun. Die Hand darf nicht lässig sein, auch wenn das Herz der Aengste voll. Wahr ist es, daß Jedermann gerade in der Zeit der Bedrängniß und Gefahr sich am ehesten zu Gott und Religion hingedrängt fühlt. Das schwere Gemüth sucht Erleichterung bei dem Vater im Himmel, und drückt seinen Schmerz und seine Sorge im heißen Gebete aus. Aber dies ist nur individuell. Die Werke, welche die Religion als Ganzes und in ihrer concreten Erscheinung fordert, verlieren in Noth und Gefahr ihre Bedeutung, die Theilnahme, die sie einen Tag vorher noch gefunden. Das Judenthum wird darunter schwer leiden. Wird die Angelegenheit der westrufsischen Juden wahrend dieses Krieges die nothigen Mittel finden, um fortgeführt zu werden? Oder gehört es zum traurigen Geschick dieses unglücklichen Geschlechtes, daß gerade zu der Zeit, wo die wirkliche Abhülfe begonnen, das Werk abgebrochen werden muß? Wird die Alliance auch jetzt noch eine kräftige Unterstützung in den Ländern dieffeits des Rheines finden? Wird der deutsch-israelitische Gemeindebund ins Leben treten, zu dem er sich bereits heraufgerungen? Wird die Gründung einer Hochschule für die Wisienfchaft des Judenthums einen Schritt voran thun auf dem Boden, den sie sich bereits erworben? Das sind Fragen, deren Bejahung wir wenn auch nur zu mäßigem Theile erhoffen wollen. Denn es ist schwer, abgebrochene Werke, ins Stocken gerathene Unternehmungen von Neuem zu beginnen! Darum treten wir an das jüdische Publicum mit Ansuchen heran, die längst bestandene Werke betreffen und die nur wenig Opfer kosten. Es geht vor Allem dahin, dieser Zeitung ihre fortwährende Unterstützung zu schenken. Wir meinen nicht blos die Aufrechterhaltung ihres Abonnements, obgleich dies immerhin ein wesentlicher Nerv ist, sondern auch die thätige Theilnahme durch Correspondenzen und Mittheilungen alles deffen, was in das Bereich dieser Zeitung gehört. Seit 34 Jahren bildet das Blatt den Mittelpunct, die Vereinigung alles jüdischen Jntereffes, bildet ein Band um die durch alle Erdtheile zerstreuten Bekenner unseres Glaubens und trägt als treuer Bote überallhin die Kunde veffen, was geschieht, die Anregung deffen, was geschehen soll. Viele ähnliche Unternehmungen erstanden und verschwanden wieder. Zu einer Zeit, wo vor der gewaltigen Bewegung des politischen und socialen Lebens alles religiöse Interesse zuruckgewichen, 1848 und die Jahre darauf, wo alle Spannkraft der Gemüther sich verloren hatte, blieb diese Zeitung allein bestehen; Alles verstummte, nur sie hörte nicht auf, ihre Stimme vernehmen zu laffen. Nicht wir, Andere haben es ihr zum Ruhme nachgefagt. Es ward ihr damals schwer, sich zu erhalten, bis wieder günstigere Zeiten eingetreten waren. Wir können jetzt die Dauer des begonnenen Krieges nicht übersehen. Die äußere Beranlaffung war so eigenthümlich, und der entzündete Brand schlug sofort in Helle Flammen des Nationalgefühls auf, und die Kräfte der streitenden Völker sind so gewaltig und die aufwirbelnde Lohe kann sich so leicht über ganz Europa verbreiten, daß über die Länge, Heftigkeit und Folgen des Kampfes sich nichts Voraussagen, ja nicht einmal vermuthen läßt. Und deshalb sprechen wir schon jetzt das Ansuchen an unsere Glaubensgenoffen aus, mitten im Sturme nicht dieses Organes zu vergeffen und sich ihm nicht zu entziehen. Daffelbe Ansuchen stellen wir auch zu Gunsten des Instituts zur Förderung der israelitischen Literatur. Auch dieses hat bereits seine Dauerhaftigkeit erwiesen, auch dieses seine Prüfungen 1559 und 1866 bestanden. Gerade für dieses Jahr, in welches es jetzt eingetreten, sind treffliche Gaben vorbereitet. Das Opfer, welches es vom Einzelnen erfordert, ist nicht groß und zählt bei den Lasten, die jetzt auf Aller Schultern gelegt werden, kaum mit. Möge daher das Institut auch jetzt keine Abweisungen erfahren und nicht fallen gelaffen werden! Mögen alle Die, welche sich bis jetzt für dasselbe bemüheten, es als eine Pflicht betrachten, ihre Anstrengungen nur zu erhöhen! In den Schutz der göttlichen Gnade empfehlen wir alle unsere Brüder! Möge der gräßliche Kampf, der sich entsponnen, bald wieder beendet werden; mögen der Opfer, die er verschlingt, nicht allzu viele sein; mögen die Trümmer, die er hinterläßt, nicht allzu groß sein und allzu schwer wiegen; mögen die Füße des Friedensboten in kurzer Zeit wieder auf unseren Höhen und in unseren Thälern erscheinen, daß all' die gepreßten Herzen sich wieder erleichtert fühlen, all' die geangstigten Gemüther sich wieder aufrichten. Leise und laut steigen die Gebete zum Himmel empor, mögen sie erhört werden und die goldene Sonne des Friedens am lichten blauen Gewölbe wieder aufleuchten! 31*