Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1870)
- Date
- 1870-08-02
- Page
- Seite 610 (sequence 2)
- Language
- German
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610 welcher die Propheten sprachen, daß die Völker den Krieg nicht mehr lernen, daß sie die Schwerter zu Sicheln, die Sperre zu Winzermessern umschmieden würden. Wir hatten große Erschütterungen gesehen, die nicht ohne Blutvergießen vorübergingen; aber diese waren nur im Innern der Staaten um der eigenen gesellschaftlichen Principien willen vor sich gegangen; internationale Verwickelungen und Kriege hatten wir seit 1815 nicht gesehen, und so nahe diese oft schienen, z. B. 1840, waren sie immer wieder auf dem Wege der Verhandlungen beseitigt worden. Erst nachdem der Napoleonide den französischen Kaiserthron wieder zusammen gezimmert und den CLsarismus begründet hatte, führte er den Krieg wieder mitten in das Herz der civilisirten Welt ein. So erschienen die Kriege von 1854, 1859, 1864, 1866 und nunmehr 1870. Man sieht, der Krieg hat wieder einen epidemischen Charakter angenommen, erscheint nach kurzen Pausen immer von Neuem, und eröffnet eine weite Aussicht in eine blutige Zukunft. Mit dem ersten Wiederaustreten des Krieges machte dieser eine allseitige Bewaffnung aller Staaten nothwendig, einen bewaffneten Frieden, der immer wieder in Krieg enden muß. So groß auch schon vor 1855 verhältnißmaßig die stehenden Heere waren, sie sind feit 1855 verdoppelt und verdreifacht worden. Und nun die Motive! Wenn ein solches für 1855 noch geltend gemacht werden könnte, nämlich die Erhaltung des osmanischen Reiches den russischen Eroberungsgelüsten gegenüber; auch noch 1859 die Selbstständigkeit und Einheit Italiens, auch noch 1864 die Beseitigung des Druckes, der auf die Deutschen in den Nordprovinzen geübt ward — schon 1866 fragte sich die Welt bedeutsam: ist die politische Rivalität zweier Staaten genügend, um einen großen Krieg entzünden zu dürfen? Man konnte jedoch die Umgestaltung des deutschen Nationalbaus anführen. Aber jetzt? Ist Frankreich etwa von Deutschland bedroht? Hat eine dieser Nationen von der anderen etwas wirklich zu fordern? Ist selbst nur ein Scheinobject für den Krieg da? Und dabei haben wir noch jener unseligen mexicanischen Expedition des Napoleoniden absichtlich nicht gedacht, welcher auch nicht die entfernteste Spur eines Rechtes seitens des französischen Cäsars einwohnte, und die eben darum zur rechten Folie für den jetzt begonnenen Krieg, für dessen Urheber und seine Motive dienen kann. Nein, wir politisiren hier nicht, wir wollen auch nicht, so sehr es uns drängt, unseren patriotischen Gefühlen Ausdruck geben —wir sprechen hier nur als Mensch und Jude, als Glied der großen menschlichen Familie und als Bekenner jener Religion, die ausruft: „Frieden, Frieden den Fernen und den Nahen, dann werde ich sie heilen!" als Sprößling jenes Stammes, der seine Abkömmlinge in beiden streitenden Staaten und Heeren mitkämpfen und milleiden sieht — und sehen mit Entsetzen und dem bitteren Gefühle der Enttäuschung, daß die Motive der Kriege immer frivoler und nichtiger werden, daß der Krieg bereits wieder ein integrirendes Moment des Volkerlebens, daß Recht und Wahrheit, diese Säulen der wahren Civilisation, wieder sehr brüchig geworden! Doch das ist Geschick, und wir müffen uns ihm unterwerfen. Niemand kann sich ihm entziehen. Wir müssen mitthaten, mitkämpfen, miteinstehen für Abwehr, für den Bestand, für den Sieg des Vaterlandes, wir müffen Blut und Gut hingeben, um der Sache des Vaterlandes die Obmacht zu erringen. Wir Deutsche können dies mit dem vollen Bewußtsein des Rechts, denn wir sind die Angegriffenen, wir haben nicht herausgefordert, nicht zum Kampfe gedrängt und getrieben. Wie die Vernünftigen und Unparteiischen unter den Franzosen mit dieser Erwägung fertig werden wollen, ist nicht unsre Sache. Da drängt es uns, mitten in dem Wirbelwind, der sich über uns erhoben, in der Sturmfluth, die sich um uns aufbäumt, ein Wort an unsere Glaubensgenossen zu richten. Fasset Muth und stehet fest! In jeder Bedrängniß besonnen zu bleiben, jeder Gefahr ruhig ins Auge zu sehen, heißt schon sie zur Hälfte überwinden, den üblen Folgen die Spitze abbrechen. Was auch die Menschen einander bereiten, der die Geschicke der Welt leitet, laßt nichts uns treffen, was nicht für uns bestimmt ist, und demüthig sagen wir: „Auch dies ist zum Guten!" Aber „Alles dies bringt Gott in sein Gericht", und wenn wir uns umblicken „in der Folge der Tage" ward ein gerechtes Loos Jedem zuertheilt, „der Frevler wird entwurzelt, und der Gerechte wohnt sicher im Lande." Die Arbeit der Menschen ist schwer, und keuchend unter ihr schreitet sie langsam fort. Die Mühsal des Menschen ist groß, aber wer sie würdig trägt und mit ergebenem und starkem Sinn, bleibt aufrecht. Alles wechselt; wer fest steht, morgen schwankt der Boden unter ihm, und wer heute auf seinem Grunde zittert, wenige Tage, und er blickt fröhlich umher. „Weinend streut der Säemann die Saat, aber mit heiterem Lachen trägt er die Garben ein."