Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1870)
- Date
- 1870-07-26
- Page
- Seite 600 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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600 aller Strenge aufrecht erhalten werden müssen. Er sagt u. A.: „Ich werde es immer zu den wichtigsten Ausgaben der Regierung zählen, das Interesse der Religion zu wahren und zu fördern und dabei insbesondere den vielfach verschlungenen Berhältnissen der katholischen Kirche, wie sie sich historisch gestaltet haben, bis zu ihrer zeitgemäßen Umbildung gerecht zu werden. Der gesetzliche Schutz, welchen das Religions-Interesse mit Recht beansprucht, hat sich meines Erachtens nicht btos gegen die Lerächter jedes positiven Glaubens, deren Angriffe dem gemeinen Wesen nicht minder als der wahren Volksbildung schwere Wunden schlagen, sondern auch gegen die Störer religiösen Friedens und gegen diejenigen zu kehren, welche die Himmelsgabe der Religion zu irdischen Zwecken mißbrauchen wollten." Dann wieder: „Wo aber die Verblendung der Parteileidenschast die gesetzlichen Schranken mißachtet, da kann kein Stand und keine Würde den Freibrief abgeben für verrätherische Umtriebe, deren Folgen um so beklagenswerthcr wären, wenn sie zugleich mit der Macht des Staates das Ansehen der Kirche erschüttern müßten." Wir Juden können nur wünschen, daß diese Ansichten nicht blos aus dem Papiere stehen bleiben. Die Spitze des Erlasses kann glücklicher Weise nicht gegen die Bekenner des Judenthums gerichtet sein, wenn auch in unserer Mitte manches dieser Worte seine Anwendung finden möchte. Wien, 10. Juli. (Privatmitth.) Die Sammlungen für das von vr. Ludw. Aug. Frankl projectirte „Jüdische Blindeninstitut" haben einen überaus günstigen Fortgang. Mit einer seltenen Hingebung bemüht sich der gedachte Gründer dieser neuen Wohlthätigkeitsanstalt, welche auf dem Gebiete des Judenthums für jetzt die einzige ist, für die Erlangung weiterer Geldmittel. 112,000 Fl. in Obligationen und Gründungsbeiträgen sowie 2800 Fl. Jahresbeiträge und die Mittel zu einem vollkommen eingerichteten Hause für fünfzig blinde Kinder find bereits vorhanden. Ur. Frankl ging übrigens hierbei vom Grundsatz der Reciprocität insofern aus, als, da hier seit einem Jahrhundert die Juden zu allen christlichen Stiftungen und Anstalten, und zwar mit vollen Händen, beigetragen, hingegen noch keine jüdischen Institute von Christen Beiträge erhalten haben, er diesmal auch den christlichen Wohlthätigkeitssinn in Anspruch nahm. Dies gelang ihm denn auch in vollem Maße, so daß er über 10,000 Fl. von dieser Seite erhielt. Es stehen übrigens noch sehr bedeutende Beiträge in Aussicht. Wie Sie bereits gemeldet haben, betheiligten sich der Kaiser und die Kaiserin mit je 1000 Fl., Erzherzog Franz Karl mit 500 Fl., Erzherzog Albrecht mit 200, Frhr. v. Sina 1000 Fl. u. s. w. Herr vr. Frankl wird in nächster Zeit eine Reise durch die Schweiz, Frankreich, Belgien und Deutschland antreten, um die dortigen Blindeninstitute zu studiren und die gemachten Erfahrungen für die neue Anstalt zu benutzen. Im Herbste des nächsten Jahres hofft er das Haus einweihen zu können. Uebrigens wundert man sich hier, daß dieses Unternehmen sich keiner thätigen Theilnahme im übrigen Deutschland zu erfreuen gehabt. Lemberg, 12. Juli. (Privatmitth.) Wie die polnische Bevölkerung die Wahlfreiheit, die freie Uebung des Bürgerrechts versteht, haben wir in diesen Tagen wieder erfahren. Die Excesse gegen die hiesigen Juden, weil sie in ihrer großen Majorität für die verfassungstreuen Abgeordneten stimmten, und trotzdem daß die Wahl Smolka's schließlich doch nur durch 120—150 jüdische Stimmen bewirkt wurde, waren zwar nicht trauriger Art, doch aber sehr lästig und immer von der Befürchtung begleitet, daß sie einen furchtbarern Charakter annehmen könnten. Der Pöbel zeigte sich dabei feige, denn wo die Juden einen ernsten Widerstand erhoben, lief er davon, getraute sich auch nicht in das von Juden ausschließlich bewohnte Viertel, sondern verwendete seine Kraftäußerungen an einzelne von Juden bewohnte Häuser, und benutzte besonders den Freitag Abend (den 8.), weil da die Juden des Sabbaths wegen ruhig in ihren Wohnungen weilten. Viel betrübender war die Lässigkeit der städtischen Behörden, welche, obschon die abendlichen Excesse bereits am Tage angcdroht wurden, gar keine Vorkehrungen dagegen trafen. Man erkennnt Hieraus die Gesinnung dieser Männer. Nun, wir Juden werden uns durch solche Vorgänge durchaus nicht beirren lassen und die Selbstständigkeit in unserem politischen Streben immer mehr befestigen. Gerade dadurch können wir uns auch Achtung verschaffen, während feiges Nachgcben nur Hohn und Hintenansetzung verschafft. Natürlich können die Juden da, wo sie vereinzelt oder in kleiner