Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1870)
- Date
- 1870-07-26
- Page
- Seite 596 (sequence 4)
- Language
- German
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596 und hierdurch der Boden für eine auf gesunden volkswirthschaftlichen Grundsätzen beruhende entwickelungsfähige Existenz geschaffen werden. Wir haben in unserer Denkschrift die Ueberfüllung als eine dieser Ursachen bezeichnet, der nur eine Maffenauswanderung abhelfen kann; eben so wenig bedarf der Plan, die unter den dortigen Glaubensgenossen herrschenden socialen Uebelstände durch Vermehrung der Bildung und größere Beachtung geordneten Schulbesuches zu beseitigen, einer weitern Ausführung, und wir warten in der That mit Ungeduld nur das Ergebniß der öffentlichen Beiträge ab, um so viele arme Knaben und Mädchen als möglich zu diesem Behuse zu subventioniren. Was wir für das Heranwachsende Geschlecht thun, kömmt der Zukunft der ganzen Bevölkerung zu Gute, für sie zu wirken, dürfen wir nie ermüden. Deshalb aber muß bei der Menge der Hülfsbedürftigen einerseits, wie bei den unzureichenden Mitteln andererseits, in dem Plane der Allianz isra^lite, dem elendesten und verlassensten Theile der Jugend, den Waisenkindern, in den Herzen der europäischen und amerikanischen jüdischen Gemeinden neue Aeltern zu geben und eine neue Heimath zu gründen, nicht nur ein Triumph der Humanitären Anschauung unserer Religion, sondern auch an und für sich eine Maßregel tiefblickender Umsicht und von der größten Tragweite für unseren Zweck erblickt werden. „Glaubensgenossen! Die Sorge für unsere westrussischen Brüder ist eine Aufgabe der Gesammtjudenheit, bei der sich Alle, ohne Rücksicht auf religiöse Parteistellung, — denn von einem Eingriff in die dortigen religiösen Verhältnisse war nie die Rede — einmüthig begegnen können. Erfassen wir sie mit gewohnter Hingebung, mit gewohnter Umsicht und vor Allem mit — gewohntem jüdischen Herzen. Das Werk ist glücklich begonnen, vereinigen wir uns zur gemeinsamen Weiterführung und — so Gott es will — zur vereinstigen Vollendung. „Desfallsige Mittheilungen und Anfragen jeglicher Art können jederzeit an das Central-Comite der Alliance isra&ite universelle (Paris, Rue de Trevise 37) oder an das Unterzeichnete Hauptgrenz-Comits, event. an die Sub- und Local - Comitcs gerichtet werden. Sammellisten, Beiträge, sowie Anmeldungen zur Annahme von Handwerkslehrlingen und Schülern, insbesondere zur Annahme der zu adoptirenden Waisen — wobei wir um genaue Angabe des Alters und Geschlechtes der gewünschten Kinder, sowie um Auskunft darüber ersuchen, ob dieselben sofort einem bestimmten Lebensberufe, oder erst noch der Schule übergeben werden sollen — bitten wir gleichfalls entweder an das Central-Comite zu Paris oder an uns direct zu richten." Die Leser d. Bl. können sich nunmehr ein eigenes Urtheil über die Thätigkeit des Hauptgrenz-Comites und dessen Erfolge, so wie über die gegenwärtige Sachlage bilden. Wir glauben aber nicht fehl zu gehen, wenn wir voraussetzen, daß dem Comitä die Anerkennung und der Dank nicht fehlen. Wir können daher seinen Aufruf, ihm die Mittel zum weiteren Vorgehen, zur weiteren Ausführung des begonnenen großen Werkes zu gewähren, unsrerseits nur dringend unterstützen. In der That ist Bedeutendes dadurch gewonnen, daß die Wege völlig klar gelegt worden sind, welche zu dem ersehnten Ziele führen. Jedermann weiß jetzt, was zu thun und wie es zu thun ist, und es kommt nur darauf an, daß sich die genügenden Geldmittel finden, um das auszuführen, was nothwendig ist. Wir sind dahin gelangt, daß es sich entscheiden muß, ob die Opferwilligkeit groß genug sei, um nicht schon am Anfänge des Weges stehen bleiben zu müssen. Nach einer Richtung hin hat sich bereits ein thatkräftiger Sinn kund gethan, nämlich zur Versorgung der hilflosen Waisenkinder, und jeder Tag bringt uns hierüber erfreuliche Facten. Welch großes Moment gerade hierin liegt, wird Niemand verkennen. Darüber darf aber auch die Auswanderung nicht vergessen werden, noch dazu unter den obwaltenden Umständen, welche die obigen Auslassungen des Comitss schildern. Mögen daher Alle, welche der Sache jener unglücklichen Glaubensbrüder ihre Theilnahme geschenkt haben, diesen Weg der Hülfe nicht übersehen, und auch ihm ihre fortgesetzte Mitwirkung widmen.. Mag man den Charakter unserer Zeit, von welchem Standpuncte es sei, betrachten, das wird man ihr nicht absprechen können, daß sie Menschenliebe und Wohlthätigkeit in einem großartigen Umfange bethätigt. Möge sich dies auch in der vorliegenden bedeutsamen Angelegenheit dauernd erweisen! Wir erhalten aus St. Thomas (Dänisches Westindien) folgende Mittheilung: In Folge des Aufrufes des Centralcomitss der Alliance isr. wegen Unterbringung jüdischer Waisen aus Polen und Rußland berief der Rev. M. N. Nathan (Mitglied der vorjähr. Synode zu Leipzig) ein Meeting ein, das Montag, den 20. Juni, stattfand und zahlreich von Mitgliedern aller Glaubensgenossenschasten besucht