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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-07-26 · Heft 30 (26.7.1870) · p. Seite 594

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 30 (26.7.1870)
Date
1870-07-26
Page
Seite 594 (sequence 2)
Language
German
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594 unter den Institutionen der Staaten der Krieg mit allen dazu nöthigen Einrichtungen und Erfordernissen einen so breiten Raum einnimmt, so lange der bewaffnete Friede nichts Anderes bedeutet, als der Krieg ist der permanente Zustand, der Frieden nur ein längerer oder kürzerer Waffenstillstand, so lange kann eigentlich von Cultur und Civilisation keine Rede sein. Denn im Grunde ist alles Andere nur Beiwerk; wo Geist und Gesinnung immer noch ihren Boden im barbarischen Spiel der Waffen, in der Rohheit blutiger Kampfe und des kriegerischen Mordens und Brennens haben, ist die wahre Civilisation noch fern. Erst wenn die Völker die Waffen aus den Händen gelegt, und sie nur gegen die Angriffe uncivilisirter Stamme ergreifen, hat die echte Cultur ihre wirkliche Geltung erlangt. Es liegt dies bereits im Bewußtsein der großen Mehrheit der Culturmenschen. Aber diese Anschauung hat noch nicht die Energie gewonnen, durchzudringen und die Welt zu beherrschen, die Verhältnisse hiernach zu gestalten. Und warum nicht? Das ist eben der zweite Gedanke, der unabweislich dem ersteren nachfolgt. Daß die Geschicke der Völker noch immer in den Händen einiger Weniger liegen, daß die Nationen noch immer nicht zu einer wirklichen Selbstbestimmung gelangt sind, das ist das Uebel, das ist das zweite Symptom, wie weit wir in der wirklichen Civilisation noch zurück sind. Jeder einzelne Mensch, wie weit seine Geisteskräfte auch reichen mögen, wie viel oder wie wenig Selbstbeherrschung er auch besitze, ihm ist gesetzlich, wenn er ein bestimmtes Lebensalter erreicht hat, die Selbstbestimmung zugestanden. Die Völker jedoch befinden sich noch im Zustande der Unmündigkeit. Der Mann in den Tuilerien findet es seinen Interessen gemäß, Krieg zu führen, und die französische Nation stürzt auf seinen Wink mit den Waffen auf die Nachbarnation und zwingt diese also ebenfalls, Blut und Gut zur Vertheidigung gegen den Angreifer einzusetzen! Wer irgend im Stande ist, die Dinge in etwas nur von einem allgemeineren Standpuncte zu betrachten, muß zugestehen, daß dies ein Zustand ist, der von der Barbarei sich noch wenig unterscheidet, wie sehr diese sich auch mit geistigen und materiellen Flittern umgeben hat. Hieran schließt sich ein dritter Gedanke. Es ist die Betrachtung, wie unzulänglich noch unsere Verhältnisse sind, daß mit jedem Schwanken der politischen Verhältnisse eine solche Unsicherheit des Besitzes und Erwerbes, der materiellen und geistigen Thätigkeit verbunden ist, daß sofort der Boden unter den Füßen Aller vom Palast bis zur Hütte bebt und zittert und in Folge dieses Erbebend unzählige Bauwerke einstürzen. Die Lasten und Opfer eines Krieges, so groß sie auch sein mögen, allein können dies nicht bewirken; die Nachtheile, welche die vom Kriege unmittelbar betroffenen Landschaften empfinden, sind für das Ganze nicht bedeutend. Man sieht ja, wie schnell die Spuren eines Krieges verschwinden, wie schnell auf den blutigsten Schlachtfeldern die Saaten wieder aufsprießen. Es liegt also wo anders, nämlich in der Unsicherheit, in der Unsolidität des ganzen Aufbaus unserer materiellen Welt, unseres industriellen und finanziellen Wesens. Nicht das Bedürfniß an sich ist die Basis desselben, sondern der Luxus, wie er verhältnißmäßig an allen Claffen der Gesellschaft haftet. Dieser Luxus weicht einer Beschränkung auf das Bedürfniß, sobald die Gemüther von einer Befürchtung ergriffen werden. Mit jenem hört ein großer Theil der industriellen Thätigkeit auf, diese geräth in Stocken; derselbe Luxus läßt aber den Besitz der großen Mehrheit zu keiner Festigkeit gelangen, um solche Stockungen ertragen zu können, und so werden auch hier Ursache und Wirkung in der realen Welt identisch. Hierzu kommt die andere Seite, daß nämlich der vorhandene Besitz zu seinem größten Theile auf industrielle Anlagen aller Art und für das Schuldenwesen der Staaten verwendet und somit von jeder Stockung und von jeder unsicheren Lage der Staaten auf's Höchste gefährdet ist. Die bürgerliche Welt ist auf diese Weise in die höchste Empfindlichkeit gebracht, zu einer wahrhaft krankhaften Reizbarkeit, welche stets die Gefahr noch übermäßiger vergrößert, nicht blos in der Vorstellung, sondern mit den greifbarsten Folgen. Man sollte denken, und es ist dies oft genug ausgesprochen worden, daß gerade dieser Zustand, diese Solidarität und Empfindlichkeit der Interessen dem Kriege energisch entgegentreten müffe — aber die Unmündigkeit der Völker ist eben noch so groß, daß von einem Widerstande der wirklichen Äntereffen noch nichts verspürbar ist. Die Culturwelt leidet also an einer zwiefachen Schwäche, an einer enormen Empfindlichkeit der Interessen und an dem Mangel von Energie, die störenden Momente zu entfernen. Wie? Aus London meldet man bereits den Fall vieler Häuser in Folge der politischen Vorverhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland, und doch ist die englische Regierung viel zu s chwach, um ihr mächtiges Drvhwort in die Wagschale des Krieges und des Friedens zu legen! Man

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