Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1870)
- Date
- 1870-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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34. Jahrgang. Allgemeine JW BO. Zeitung des Iudcnthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon in Bonn. Leipzig, den 26. Juli 1870. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal Dienstags, in 2 bis 2'/, Bogen. Preis des Jahrgangs 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Vierteljährig 1 Thlr. Inserat: werden mit I '/2 Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Haupt-Expedi:ion für beide Letztere hat sich das König!. Sachs. Haupt-Zeitungs-Bureau unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Der Augenblick. — Die westrussischen Juden. — Zur zweiten Synodalversammlung.— Literarischer Wochenbericht: Berlin, Bonn. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Herford. — O esterreich ischungarische Monarchie: Wien, Lemberg, Czernowitz , Losonc;, Agram. — Frankreich: Paris. — Belgien: Brüssel. — Rumänien: Bukarest. Feuilleton-Beilage: Die jüdisch-griechischen Dichter. — Ein Tendenz - Proceß im XVII. Jahrhundert. — Vermischtes. Leitende Artikel. Bonn, Io. Juli. Der Augenblick. In einem Augenblicke, wo plötzlich, unvorhergesehen, ungeahnt, ein schweres Geschick die civilisirte Welt zu treffen im Begriffe ist, wo mit einem Male, ohne greifbare Motive, die Kriegsfurie über Europa losgelaffen wird und die beiden größten Militarstaaten, die bedeutendsten Culturvölker auf einander stoßen, wo bereits ungeheure Verluste eingetreten, die Industrie in Stocken geräth, Millionen Arbeiter mit Erwerblvsigkeit bedroht sind und der Wohlstand der Besitzenden gefährdet ist, wo hunderttausende von Jünglingen und Männern ihrem Berufe, dem Schoße ihrer Familien entzogen worden, um dem blutigen Würfel des Krieges anheimzufallen — da ist es jedem fühlenden Herzen unmöglich, etwas Anderes zu erwägen als das ungeheure Mißgeschick, das wie eine finstere Gewitterwolke über unser Aller Häupter hängt. Indem wir dieses niederschreiben, sind bereits die Chancen des Friedens äußerst schwach geworden; wenn unsere Leser dieses Blatt in ihren Händen halten, wird die Entscheidung, ob Krieg oder Frieden? bereits getroffen sein. Bon Seiten Frankreichs zeigt sich so bestimmt der Wille, gegen Deutschland den Krieg zu beginnen, daß für Ausrechterhaltung des Friedens die Hoffnung eine sehr schwache ist. Wir sagen, Frankreichs — dem ist aber wohl doch nicht so; nur der Wille Napoleons HI. ist es, der, seinen eigenen Partisanen unerwartet, die Fackel des Krieges entzündet und das französische Volk damit zu entzünden sucht. Wir haben hier nicht in die Einzelheiten einzugehen. Nur einige allgemeine Betrachtungen auszusprechen, ist unser Beruf. Leider hatten wir im letzten Jahrzehend allzu oft Veranlaffung. die jüdisch-religiöse Anschauung vom Kriege den Welthändeln gegenüber auseinanderzusetzen. Also auch dies brauchen wir heute nicht. Was sich uns aber aufdränzt, das sind folgende Gedanken. Zuerst: wie weit ist die Civilisation, die echte Cultur noch zurück, wenn zwei Nationen, die sich weder in ihrer Nationalität bedrohen, noch von einander etwas zu fordern haben, deren eigentliche internationale Verhältniffe geordnet und durch Verträge gesichert sind, in den Krieg gerathen, um eines Phantoms von Prestige willen, einer eingebildeten Machtbeschränkung auf der einen Seite, ohne das geringste materielle Motiv'. So lange im Wörterbuch der Cultur das Wort Krieg steht, so lange