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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-07-19 · Heft 29 (19.7.1870) · p. Seite 591

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 29 (19.7.1870)
Date
1870-07-19
Page
Seite 591 (sequence 23)
Language
German
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591 „Ihre hochherzige Gabe kann ich nicht annehmen. Vor sieben Jahren hätte sie meine Mutter und mich glücklich gemacht, denn wir bedurften ihrer. Wir waren zwei schütz- und mittellose Frauen. Jetzt bin ich derselben enthoben. Ich erwerbe mir leicht, was ich brauche, und lebe unter dem Schutze edler Menschen. Meine Stellung, meine Pflichten und Arbeiten sind mir theuer; ich mag sie nicht aufgeben. Dies vermindert jedoch den Edelsinn Ihrer Handlungsweise nicht, und es beglückt mich, in Ihnen einen Verwandten zu wissen, der das heilige Recht der Natur über Alles setzt." Sie schloß die Anweisung in ihren Brief wieder ein, und fühlte sich bei dem Gedanken befriedigt, daß Emil nun nicht glauben werde, das Ganze sei ein abgekartetes Spiel gewesen, das Frau Edmund in ihrer Freundschaft für Paula übernommen, um dieser ein Vermögen zu schaffen. Kaum konnte sie ihre Anwort in Emil's Händen vermuthen, als dieser sich bei ihr melden ließ und eintrat. Sein Antlitz zeigte eine tiefe Erregung, in welcher Zuneigung und Hochachtung am deutlichsten ausgeprägt waren. Er eilte auf Paula zu, ergriff ihre Hände und drückte sie herzlich. „Paula" rief er aus, „lassen Sie alle diese Umstände, Erwägungen und Zwischengedanken unter uns fallen; breiten wir die Schleier der Vergessenheit über Alles, was hinter uns liegt. Wir sind ja nicht schuld daran. Denken wir uns, als ob eine gütige Vorsehung uns als Kinder zusammengeführt, die nichts wüßten und empfänden, als das Glück, verwandt zu sein, und in dem großen Ocean der Welt sich als Verwandte zu besitzen. Seien Sie mir Schwester, wie ich Ihnen Bruder. Gewiß, unsere theuren Verklärten, die längst alle Jrrthümer dieser Welt von sich gestreift, werden sich dessen freuen." Diese Worte, mit dem Wohllaut gesprochen, der einer Rede, wenn sie aus dem Herzen entspringt, niemals fehlt, brachten Paula zu heißen Thränen, deren sie sich nicht schämte. Emil führte sie zum Sopha, und bald entspann sich unter ihnen eine Unterredung, die sie Beide beglückte. Von dieser Zeit an war Emil täglicher Gast im Edmund'schen Hause, und man fand es sehr natürlich, wenn er sich viel, bisweilen ausschließlich mit Paula beschäftigte, die sich jedoch auch hierdurch von der treuen Erfüllung ihrer Pflichten niemals abhalten ließ. Bon der Uebergabe eines Vermögens war nicht wieder die Rede, und Emil vermied es sogar, wenn er Paula eine Huldigung darzubringen hatte, das Geschenk mehr als ein einfaches, sinniges sein zu lassen. Frau Edmund beobachtete das wachsende Einverständniß der beiden jungen Leute, ohne irgendwie eingreifen zu wollen. Viele Monate waren vergangen, Paula fühlte sich sehr glücklich, und ihre Schönheit entfaltete sich zu immer lieblicherer Blüthe. In ihrer Familie war die Anmuth der Gestalt heimisch. Da kam über die Stadt eine epidemische Krankheit, die täglich an Ausdehnung und Heftigkeit wuchs. Sie wurde immer ansteckender und tätlicher, und ein anhaltender Schrecken verbreitete sich unter den Einwohnern. Auch die Familie Edmnnd schloß sich von aller Berührung mit der Außenwelt ab, und nur Emil hatte das Vorrecht, sich im Haufe einfinden zu dürfen. Eines Tages blieb er aus, und den folgenden und nächstfolgenden auch. Paula sandte zu ihm und erfuhr zu ihrem Entsetzen, daß er erkrankt sei. Sofort war sie entschlossen, zu ihm zu eilen, und zeigte dies Frau Edmund an. In ihrem ersten Gefühl wollte diese Paula zurückhalten. „Bedenken Sie", rief sie aus, „daß Sie sich der Ansteckung aussetzen, ja ihrer gewiß sein können. Wir haben dann für zwei uns theure Menschen zu zittern. Unsere Angst wird unendlich sein; und Sie können ja dann zu uns nicht eher zurückkehren, als bis die letzten Spuren der Krankheit in der Stadt verschwunden sind. Was soll aus Ihnen werden, wenn auch Sie von der gefährlichen Seuche befallen werden?" „Dies Alles", antwortete Paula ruhig, „sieht in Gottes Hand. Ich weiß nur, daß ich meinen theuren Vetter nicht in der Gefahr verlassen darf. Er hat mir einst gesagt, wir wollen Geschwister sein. Dies war leicht im Lichtglanze Ihres schönen Salons, verehrte Frau; ich darf nicht zögern, es auch am Krankenlager zu bethätigen. Geben Sie mir Ihren Segenswunscd mit, wie ich Ihnen mein Gebet zu Gott hinterlasse, daß 'er Sie und die theuren Kinder schütze!" Paula fand ihren Vetter in der Gluth und den Phantasien des hitzigen Fiebers. Kein Schlaf kam über ihn, und nur wilde Phantome der Einbildungskraft standen vor seinen glühenden Augen, verfolgten, vernichteten ihn, daß er sich unruhig auf seinem Lager wälzte. Das Mädchen übernahm sofort seine Wartung, und lag dieser unermüdlich Tag und Nacht ob. Mit dem feinsten Takte errieth sie, was dem Kranken eine Erleichterung schaffen konnte. Dann und wann redete sie ihm mit sanften Worten zu, und er schien nicht unempfindlich für diese zu sein. Ohne Aufhören hafteten ihre Augen auf ihm, und nichts störte sie darin, die Vorschriften auf's Pünktlichste zu erfüllen. Ihre Kräfte wurden dabei sehr in Anspruch genommen, aber ihr entschlossener Wille erhielt sie aufrecht, und vielleicht hatte sie es ihrem entschiedenen Muthe zu denken, daß sie von jeder Ansteckung frei blieb. Wenn sie so in dunklen Nächten wachend zur Seite seines Lagers saß, und ihre Erinnerung in die Vergangenheit zurückschweifte, so überkam es sie doch oft eigen, daß sie jetzt voll Hwgebung und tiefen Mitgefühls neben dem saß, den sie früher fast Haffen gelernt und der die Ursache so vieler leidensvollen Stunden gewesen. Es ist eine gütige Fügung Gottes gewesen, sagte sie dann zu sich selbst. Gesetz und Leben! Das Gesetz muß sein, denn ohne dasselbe keine gesellschaftliche Ordnung, kein sittlicher Zusammenhang. Aber das Leben muß ausgleichen, was das starre Gesetz gegen einander treibt und hart und verwundend auf einander stoßen läßt. Das Gesetz steht hoch, aber das versöhnende Leben höher. In solchen Stunden geschah es denn auch, daß sich die Heftigkeit des Fiebers etwas legte, daß eine sanftere Ruhe sich über das Antlitz des Kranken breitete, und

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