Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1870)
- Date
- 1870-07-19
- Page
- Seite 590 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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590 saß et doch eine schöne Unterhaltungsgabe und es sprach sich in ihm eine solche Herzensgute -aus, daß er unwillkürlich sesielte. Paula vermied offenbar, so viel sie es konnte, dem jungen Mann zu begegnen, und selbst wenn sie keine Beranlaffung fand, sich zu entfernen, war sie auffällig zurückhaltend und schweigsam. Frau Edmund sprach sie deshalb eines Tages geradezu an: „Wie kommt es, liebe Paula, daß Sie dem jungen Oldenburgh gegenüber ein so eigenthümliches Benehmen beobachten, das sich schon bei dem ersten Besuche deffelben verrieth? Da Sie sonst eine so ganz Andere sind, und Sie wissen, wie sehr ich Ihre Freundin bin, ich auch nicht wünschte, daß Sie irgend Wem anders erscheinen, als wir Sie kennen, gestalten Sie mir wohl diese Frage: Kannten Sie den jungen Mann schon früher?" Auch dies Mal verbreitete sich eine Bläffe über die schönen und zarten Züge Paula's, und ihr Blick trübte sich. „Sie kennen ja, Frau Edmund, die traurige Geschichte meiner Familie, und Sie erinnerten sich wohl nicht, daß der Familienname meiner Mutter Oldenburgh war." Eine Thräne zitterte an ihren Wimpern. Der Gedanke, daß dieser junge Mann es war, welcher die letzten Lebensjahre ihrer Mutter so sehr verbitterte und diese in ein frühzeitiges Grab stürzte, erfüllte ihr Herz mit Leid und Trauer, wenn auch nickt mit Bitterkeit. „Wie!" rief Frau Edmund aus, „so ist es Ihr Cousin? Ihr einziger Verwandter? Derselbe, der. . sie vollendete den Satz nicht, sondern fügte hinzu: „Und er verleugnet Sie? Vermöchte das ein junger Mann, der sonst so vieles Gute und so viele Bildung verräth?" „Ich traue ihm dies nicht zu", erwiederte Paula. „Er wird von meinem Dasein gar nichts wissen, meinen Namen gar nicht kennen; sonst würde er bei Nennung deffelben irgend eine Spur von Aufmerksamkeit oder Erregung gezeigt haben." „Nun, so werde ich ihm es mittheilen; es darf ihm nicht verborgen bleibeu, welcher Schatz ihm hier noch ausbewahrt ist!" rief lebhaft die Frau Edmund aus. „Nein, nein, um Gotteswillen nicht!" fiel Paula erschrocken ein. „Zwischen ihm und mir liegt so Vieles und Trauriges, daß es besser ist, er erfährt nichts davon, und wir bleiben uns ftemd. Ich rechne auf Ihre Freundschaft, daß Sie darüber schweigen. Ich hätte nichts davon gesagt, wenn mir nicht Alles daran gelegen wäre, vor Ihnen nie in ungünstigem Lichte zu erscheiuen." Sie war so bewegt, daß sie schnell das Gemach verließ. Frau Edmund schwieg aber nicht. Sie erachtete es als eine Pflicht der Freundschaft, der alleinstehenden und vereinsamten Paula den Schutz eines Verwandten zu verschaffen. Sie konnte es sich nicht anders denken, als daß der in jeder Beziehung so brave und liebreiche Emil von allen diesen Verhältnissen und Vorgängen nichts wisse, und nachdem ihr Gatte sich damit einverstanden erklärt, nahm sie die erste Gelegenheit war, Emil mit Allem bekannt zu machen. In der That war dieser wie auö den Wolken gefallen. Sein Vormund hatte ihm Alles verheimlicht, was auf diesen Theil seiner Familie bezog. Er wußte gar nicht, daß er eine Tante get, und somit diese ein natürliches Anrecht auf die Hinterlassenschaft seines Onkels Ephraim besessen. Dies und wie mit ihm verfahren worden, schmerzte ihn zwiefach, denn es warf zugleich einen dunklen Fleck auf seinen Vormund, dem er Dankbarkeit und Achtung gewidmet. Seine Gemüthsbewegung war so groß, daß er der Frau Edmund nur stammelnd feinen Dank für ihre Mittheilungen auszusprechen vermochte. Eine Stunde spater langte ein Brief bei Paula an, de^en Eintreffen schon diese überraschte, da ihr die Handschrift unbekannt war. Das Räthsel löste sich ihr schnell. Das Schreiben war von Emil. Er schrieb: „Ein gütiges Geschick läßt mich in einem Augenblick, wo ich es am wenigsten erwartete, das finden, was ich von Kindheit an geträumt und ersehnt habe — eine Verwandte. Aber diese Verwandte ist durch mich, wenn auch ohne mein Wissen, in ihren Rechten gekränkt, ihres Eigenthums beraubt. Da ist das Erste und Nächste, was ich zu thun habe, ihre Verzeihung zu erbitten, das Erste und Nächste, Den Schaden möglichst wieder gut zu machen, das Vorenthaltene wieder zu ersetzen. Gewähren Sie mir die Huld; reichen Sie mir die Hand der Versöhnung; erkennen Sie mich als Ihren Blutsverwandten an, und beglücken Sie mich durch die Annahme des Einliegenden. Sie entheben mich dadurch einer Last, die mich bei längerer Dauer erdrücken würde." Eingeschlossen lag in dem Briefe eine Anweisung auf den Banquier Emil's, lautend auf fünfzig tausend Thaler. Das Herz des Menschen ist ein geheimnißvolles, rätselhaftes Wesen. Empfindungen kommen und gehen in ihm, ohne daß das Auge des Bewußtseins ihren Eingang und ihren Ausgang bemerkt, ohne daß es die Quelle kennt, aus der sie hervorfließen, und die Tiefe, dahinein sie strömen, und nicht wiederkehren. Paula freute sich nicht, fühlte keine Beftiedigung, weder über die gute Gesinnung des Detters, noch über das große Besitzthum, das ihr plötzlich geworden. Sie empfand vielmehr Bitterkeit bei dem Gedanken: wie hätte dies deine Mutter erfteut und den Abend ihres Lebens erheitert. so aber hat es ihr das Herz gebrochen! Wie wäre sie ohne Sorgen für mich aus dem Leben geschieden', während so selbst ihr gebrochenes Auge noch kummervoll auf mir ruhte! Und dann erhob sich der Stolz in ihrem Gemüth; sie hatte jenen Zweig ihrer Familie zu lange als ihr und ihrer Mutter feindlich und gehässig betrachtet, um so schnell die dargebotene Hand anzunehmen, und zwar gerade darum, weil diese mit einer Gabe gefüllt war. Sie fühlte sich gedemüthigt, daß man ihre Verzeihung erkaufen wollte. Als sie solche Muthmaßung erst hegte, glaubte sie auch aus den Worten Emils Kälte und Stolz herauszulesen. Er schien ihr nur den Borwurf von sich wälzen zu wollen, daß er, der Reiche, ihr, der armen Waise, Etwas vorenthalte. Sie erhob sich und antwortete sofort: