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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-07-19 · Heft 29 (19.7.1870) · p. Seite 592

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 29 (19.7.1870)
Date
1870-07-19
Page
Seite 592 (sequence 24)
Language
German
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592 da vernahm das lauschende Ohr des Mädchens die leise geflüsterten Worte: „Paula, wie liebe ich Dich! Wie bist Du so süß und gut!" Dann schlug das Herz Paula's höher, und ihre Hand zitterte, da sie die fieberheiße des Kranken ergriff und festhielt. Das mit so vieler Aufopferung gepflegte Werk Paula's wurde mit glücklichem Erfolge gekrönt. Emil genaß. Aber Paula verließ ihn nicht eher, als bis ihm der Arzt gestattete, sich zum ersten Male wieder von seinem Lager zu erheben. Nun, es waren sehr glückliche Tage, welche die Beiden wahrend dieser Zeit der langsam wie-. verkehrenden Gesundheit verlebten. Tage, denen nach kurzer Zeit die Vereinigung für das Leben folgte. Gesetz und Leben hatten ihre Ausgleichung gefunden. Eine Lemberger Wählerversammlung. sN. fr. Presse). Lemberg, 5. Juli. Heute Abend um halb 6 Uhr fand eine Wählerversammlung der hiesigen Israeliten, an welcher jedoch auch eine Anzahl christlicher Wähler theilnahm, in der großen Vorstadt-Synagoge statt. Das geräumige, in feiner alterthümlichen Bauart einigermaßen an die Prager Altneu- Schule erinnernde, jedoch viel größere und höhere, innen mit hebräischen Inschriften und bunten Blumendessins und Arabesken bemalte Gebäude war gedrängt voll, jedoch eine Schätzung der versammelten Menschenmaffe wegen der Theilung des Schiffes durch die in der Mitte befindliche Erhöhung, dann wegen der zahlreichen auf der Galerie (Frauenschule) und im Corridor stehenden Besucher schwierig; die Angaben schwanken zwischen 1000 und 2000. Zum Vorsitzenden wurde der Vorsteher Herr M. R. Mises, ein in den Siebzigen stehender Greis, gewählt. Die erste Rede hielt der ebenfalls schon sehr bejahrte Rabbiner Herr Nathansohn. Derselbe war jedoch theils wegen seines schwachen Organes, theils wegen der überreichlichen Ausschmückung seiner Rede mit hebräischen Sätzen wenig verständlich. Nur so viel konnte ich entnehmen, daß er zur Einigkeit sowohl der Israeliten unter einander, als auch mit den christlichen Mitbürgern ermahnte und schließlich die Candidaten-Liste des Ziemialkowski'schen Comitss zur Annahme empfahl. Alsdann trat Herr Advocat vr. Fr e n kl auf. Derselbe sprach zuerst Deutsch, dann Polnisch, ließ den Verdiensten Smolka's volle Gerechtigkeit angedeihen, erklärte jedoch, dessen Politik nicht zu billigen und daher mit der Gegenpartei zu stimmen. Die Palme des Tages gebührte dem nun folgenden Redner, Prediger vr. Löwenstein (deutsch, wie auch Nathanson>, welcher in seiner Anrede drei Punkte als wesentlich hervorhob: 1. Sollen wir wählen? 2. im Sinne welcher Partei? und 3. wie sollen wir wählen? Die bejahende Lösung der ersten Frage erscheine als patriotische Pflicht. Was die zweite Frage betrifft, so können wir nicht zu den gobe*alisten halten; einmal wegen der Conformitat mit Transleithanien, dann wegen der nothweudigen Schwächung der Monarchie durch ein loseS Gefüge, welches wohl die Schweiz hinter ihren hohen Bergen verschanzt, aber nicht ein Staat wie Oesterreich ertragen kann. Diesen Satz sucht Redner durch ein Beispiel aus der jüdischen Geschichte, nämlich der jüdischen Föderation unter den Richtern, zu erhärten. Ferner ruft derselbe aus: „Mit dem Glücke so vieler Völker von 38 Millionen Menschen darf man nicht spielen, nicht Experimente machen, sondern man muß das Glück des Reiches auf ruhigem Wege erstreben. (Beifall.) .Meine Herren, Sie kennen die Rose und die Distel. Die Dornen sind gleichsam in föderalistischer Verfassung, jede Spitze sticht für sich; die Rose vereinigt alle Blätter zu einem harmonischen Ganzen. Die Verfassung gleicht der Rose, nicht den Dornen!L (Anhalt. Beif.) Redner erinnert ferner, daß die Juden, welche die Freiheit spät und schwer errungen, mehr als Andere Ursache haben, dieselbe nicht muthwillig aufs Spiel zu setzen. Sodann geht derselbe zur Kritik der Bundesgenossen Smolka's über, der Czechen, Tiroler und Slovenen, und deren Freunde, der Feudalen und Ultramontanen. Endlich empfiehlt Redner in Beantwortung der dritten Frage ein solidarisches, furchtloses und gemäßigtes Auftreten und vereinbarte nochmals die bekannte Ziemialkowski'sche Candidatenliste: Ziemialkowski, Kabath, Dombrowski, Frenkl. Die Wirkung dieser mit sonorer, weithin vernehmbarer Stimme in brillanter Weise vorgetragenen Rede war eine außerordentliche, wie ich nicht blos an den zahlreichen Beifallsbezeigungen zu bemerken volle Gelegenheit hatte, und soll in Folge derselben, wie mir ein hiesiger Wähler sagte, in christlichen Wählerkreisen der Gedanke laut geworden sein, Herrn Löwenstein als Vertreter des Großgrundbesitzes aufzustellen. Hierauf meldete sich ein christlicher Arzt, Herr vr. Mille r e t, Gemeinderathsmitgl., zum Worte. Er sprach poln., erklärte sich nach einer gründlichen Auseinandersetzung kurz fassen zu können, und berührte hauptsächlich die Mängel der Smolka'schen Politik, deren Träger offen eingestehen, mit den Czechen nur für den nächsten Zweck Zusammenhalten zu wollen, sie aber dann gegebenenfalls zu verlassen. Wie nun, wenn diese Rolle, für Andere zu arbeiten und dann von ihnen im Stiche gelassen zu werden, gerade uns zufiele? (Beifall.) Advocat vr. Mansch, Präsident des Vereins „Schomer Israel", gleich bei seinem Auftreten mit Beifall begrüßt, setzt speciell auseinander, was diesen Verein als solchen veranlaßt habe, in die gegenwärtige Action einzugreifen. Im Uebrigen schließt sich derselbe den Ausführungen der Vorredner au und meint zum Schlüsse, die Juden als solche seien allerdings Smolka Dank und Ehrerbietung schuldig, könnten ihm aber kein Mandat anvertrauen, welches er, seinen eigenen Worten zufolge, in einem den Gesinnungen der Mandanten entgegengesetzten Geiste ausüben werde. (Beifall.) Nach zweistündiger Dauer löste sich die Versammlung aus. Den Herrn vr. Löwensteiu, vr. Frenkl und Milleret wurde Leim Einfteigen in den Wagen noch ein Vivat ausgebracht. Verlas von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redakteur Dp. H. Loge.

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